Satz mit X – das war wohl nwx

Blick in die Elphi

Was tu ich hier?

Das frage ich mich heute häufig, und ich glaube auch in den Mienen vieler anderer Teilnehmer der #NWX18 diese Frage zu erkennen. Sprechen kann ich mit ihnen nur selten, der Zeitdruck ist zu groß.

1.500 oder so Leute entern Hamburg mitsamt Elbphilharmonie und Elbarkaden, um – ja, warum eigentlich? Irgendwie um New Work soll es gehen und eine Experience soll es werden. Xing veranstaltet das Event und die Karte kostet irgendwas um die 1.000 Euro.

Und das ist auch der Grund, warum wir den Vormittag in der Elphie verbracht haben; weil es geht. Wir sind nicht da, weil es den Inhalt befördert. Wir sind nicht da, weil es Mehrwert bietet, sondern einfach weil es „awesome“ ist.

Versteht mich nicht falsch, das Bauwerk und das Brimborium ist großartig. Aber dieser Rahmen ist nicht das, was dieses Thema braucht. Frei nach Batman,

maybe Elphie is the hero we deserve, but it is not the hero we need.

New Work ist ein ernstes Thema. Kein Hippie-Scheiß. Kein Spielfeld für Hallodris mit Beratersprech. Es geht darum, wie wir in Zukunft arbeiten, leben, wirken. Es geht darum, wie wir die Zukunft gestalten. Und hier auf der #NWX18?

  • Da gucken wir zu, wie einer Dame ein Mikrochip implantiert wird. Haha, ist ja lustig und so total digital.
  • Da richtet Dominik Wichmann zusammenhangslose Fragen an Dr. Jürgen Schmidhuber und wird nicht müde ihn den „Erfinder der KI“ zu nennen. In all der Bauchpinselei ist viel Schmonzes, wenig New Work und viel Tech-Angstmacherei verborgen.
  • Da lassen wir uns ansonsten mit dem immer selben Schnack bombardieren und die gleichen Gesichter wiederholen ihren Sermon von 2016 & 2017.

nwx-schmidhuberKonkrete Erkenntnisse? Fehlanzeige. Strategien, wie New Work-Themen in (unwilligen) Unternehmen etabliert werden können? Nicht da oder verdammt gut versteckt. Dafür gibt es Rundfahrten mit Barkassen (wenn da nicht das Eis auf’m Fluß wäre, das unsere Abfahrt verhindert), Blendwerk und Allgemeinplätze.

Was habe ich heute gehört? Womit habe ich meinen Tag gefüllt?

Wir wollen flexibel arbeiten, mit Anerkennung, wir wollen (im Rahmen) rebellieren können. Wir wollen nicht Zeit gegen Geld tauschen sondern Leistung & Ergebnis gegen Geld.

Ist das neu?

Nein, ist es nicht. Und dann sitze ich am Tisch und schreibe diesen Text und versuche, nicht alles negativ zu sehen. Und ich erinnere mich selbst daran, dass für die Wenigsten so viele New Work-Themen Realität sind, wie für uns bei comspace und vielleicht auch in der New Work-Filterblase.

Dass ich von einem hohen Ross herunter schaue und es da sehr leicht fällt, das allgemeine Geschwafel und den überbordenden Rahmen zu verurteilen.

Ich unterbreche meine Tippselei und spreche mit AGILE_Tillmann, der sich zu mir an den Tisch gesetzt hat. Er meint, vielleicht braucht es beides für den Mittelstands-Executive, für den bisher Duzen und Turnschuhtragen komplett verrückt klingt und New Work verkörpert. Vielleicht hat er Recht, vielleicht braucht es das.

“Vielleicht”

Vielleicht ist so auch die Elphie berechtigt. Wenn es dazu beiträgt, dass New Work-Themen breiter Fuß fassen und in verknöcherte Unternehmen getragen werden, dann geht die Rechnung vielleicht auf. Das sind viele „Vielleichts“ in wenigen Sätzen, das spricht schon eine klare Sprache über meine Einschätzung.

Noch ein vielleicht: Vielleicht haben wir (also meine Kolleginnen und ich) die coolen Talks und Sessions verpasst. Bei Bodo Janssen war alles voll. Andere liefen parallel. Vielleicht hatte ich nur Pech und es gab da spannende Inhalte und Talks, die von der Hypefront auf Twitter “inspirierend” genannt werden.

Menschen. Kontakt. Augenhöhe.

Und dann wird es Abend. Und gemeinsam mit meinen Kolleginnen und echt leckerem Cappuccino kommen wir zu einer Feedback-Session mit Inga Höltmann & Gerhild Vollherbst zusammen.

Wir sind etwa 25 Leute und sollen uns nach unserer Einschätzung des Tages hin aufstellen; die „Yeahs“ nach links, die „Mehs“ nach rechts. Es dauert nur ein paar Momente, dann entzündet sich etwas: Gespräche entbrennen und in wenigen Sekunden sind alle in einem regen Austausch – mit Freude, Lachen und Interesse.

Da erkenne ich, da erkennen wir (alle), was uns an dem Tag gefehlt hat. Alles war bisher Druckbetankung im Frontalunterricht (ja, das lag auch an der Sessionauswahl, ich weiß).

Es gab kaum Pausen, kaum Gelegenheit etwas mal näher zu beleuchten. Stete Eile, um nicht die nächste Session zu verpassen. Wir sitzen da, meckern, relativieren, giggeln, lachen und haben das, was für New Work am Wichtigsten ist: einen Austausch auf Augenhöhe.

Jubel und Kritik

Waren andere auch unzufrieden? Ja und nein. Newbies in dem Thema sind reihenweise hingerissen und begeistert. Insofern: Mission accomplished für Xing und natürlich auch für die Begeisterten.

Auf Twitter könnte man jedoch Listen machen mit positiven und negativen Reaktionen auf die NWX und ich bin mir sehr sicher, in der Positiv-Liste finden sich wenig alte Hasen und in der Negativ-Liste wenig Neulinge.

Ist das automatisch schlimm oder schlecht? Nein, natürlich nicht. Dass Neulinge auf das Thema aufmerksam und dafür begeistert werden, ist toll. Wenn das das Ziel sein sollte, dann frage ich mich, warum über den Kartenpreis gleich ein ordentlicher Teil des kleinen und mittleren Mittelstandes quasi ausgeschlossen wird.

1.000 Euro, das bezahlt kein stockkonservatives Unternehmen ohne klar erkennbaren Mehrwert. Für eine Schulung? Für Seminare und Workshops? Na klar, aber nicht für die Elphie und Konfetti.

Auf der abendlichen Party waren Manager von XING wohl durchaus selbstkritisch und gelobten – dem Hörensagen nach – Besserung im nächsten Jahr. Viele Probleme resultierten wohl einfach aus der Tatsache, dass man sich schon sehr früh auf die Elphie als Location festgelegt hatte.

War also alles schlecht? Nein, natürlich nicht. Insgesamt bin ich aber chronisch unterrascht. Nimmt man der NWX Location und Blingbling, dann bleibt nicht viel übrig. Das ist schade. In dem Thema und auch in der NWX steckt so viel Potential, das angezapft werden will.

Das Positive der #NWX18

Da ist zunächst Richard David Precht. Der Philosoph war der Headliner und hat seine Sache gut gemacht. Ein interessanter Talk, der letztendlich darauf hinauslief, dass wirtschaftliche und technologische Revolutionen in der Vergangenheit immer mit gesellschaftlicher Veränderung einhergegangen ist.

Wir Menschen mussten immer weniger arbeiten und die nächste, die digitale Revolution wird uns noch mehr Arbeit abnehmen. Und zwar in einem solchen Grad, dass wir als Gesellschaft ein Problem mit unserer bisherigen Lebensweise bekommen.

Wo keine Arbeit ist, ist auch kein Geld; das ist ein Grundsatz, der in Deutschland bisher gilt und kulturell auch große Bedeutung hat. Wenn aber plötzlich 20 oder mehr Millionen Deutsche keiner Arbeit mehr nachgehen können, dann muss Geld anders verteilt werden – schließlich muss irgendwer konsumieren.

Seine Lösung ist natürlich das bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Er sieht es letztlich als Weg zu New Work, als Weg zu Arbeit, die man wirklich machen will. Precht spricht gut, routiniert, witzig und charmant. Die Verbindung zu New Work ist dünn, aber gut, es ist die Keynote, da verzeiht man das gerne.

Old Music

Später am Vormittag gibt es Musik. Die südkoreanische Geigerin Ji-Hae Park und ihr Pianist betreten die Bühne und füllen die Elphie mit dem, wofür sie gedacht ist: klassische Klänge. Nach dem Stück betritt @Jochen Wegener von Zeit Online die Bühne und führt mit ihr ein sehr emotionales, authentisches Interview. Beides, die Musik und das Interview – sind bewegend. Aber wenig zweckdienlich für das Thema – oder?

Sie ist ein Inbegriff von Old Work. Seit jüngster Kindheit an der Geige, andauernde Arbeit an einer sehr speziellen Tätigkeit tagein, tagaus. Freie Minuten gibt es nicht, das ganze Leben ist angefüllt mit repetitiver Übung. Einziger Aspekt, den man “newworkig” nennen könnte: sie tut das, was sie wirklich, wirklich will. Sagt sie. Bei den meisten Menschen, die sehr früh auf etwas getrimmt wurden, habe ich daran so meine Zweifel.

Die Treppe von oben fegen

Dann war da noch dm-Gründer Götz Werner. Der sprach nicht über das BGE, obwohl das eins seiner Themen ist, sondern über das “Fegen der Treppe von oben”. Er meint damit, dass das Denken und Träumen vor dem Handeln steht oder stehen sollte. Gedanken werden Worte, Worte werden Taten – so in die Richtung ging es.

Das war inhaltlich ganz interessant und der Götz Werner ist ein echter Sympath. Er war jedoch auf der falschen Bühne. In einer Art Fireside-Chat mit viel Interaktion mit dem Publikum wäre er ein echter Gewinn gewesen, so stand er etwas verloren auf der Bühne und sprach auf seine langsame, gemütliche Art ins Nichts.

Am Anfang seines Vortrags forderte er die Lichttechnik auf, doch bitte das Publikum zu beleuchten und die Spots von seinem Gesicht zu nehmen. Nach ein paar Sekunden Verzögerung wurde das Licht im Publikum hochgedreht, zögerlich. Werner musste noch ein- oder zweimal “nachbitten”, bis er die Teilnehmer sehen konnte.

Was er nicht bemerkte – oder nicht kommentierte – ist, dass dieser Zustand für die Beleuchter_innen anscheinend nicht erträglich war, so dass der Regler millimeterweise in Richtung “dunkel” geschoben wurde. Nach einigen Minuten war Werner also wieder alleine in der Elphi.

Das ist in gewisser Weise ein Sinnbild für die ganze Veranstaltung (und vielleicht auch für die Arbeitswelt). Engagierter Redner bricht aus dem Konzept aus, doch das das Konzept/System ist stärker und zwingt ihn sanft aber nachdrücklich wieder an seinen Platz.

Was braucht es also, um im nächsten Jahr eine gute NWX19 zu haben?

Meine Kolleginnen Sarah und Sarah waren letzten Jahr auf der NWX17 und haben ähnliche Themen mitgebracht. Anders gesagt, viel hat sich nicht verändert.

Liebe Leute von XING_de,

nicht, dass Ihr das falsch versteht; ich find’s großartig, dass Ihr Euch für New Work engagiert. So wie in 2017 und 2018 lasst Ihr viel Potential brach liegen – für das Event selbst, für die Arbeitnehmer und -geber in Deutschland, die New Work-Szene und auch für Euch als Unternehmen. Also,

  • gebt dem Event einen weniger überkandidelten Rahmen. Executives bekommt Ihr bestimmt auch so.
  • gebt uns Pausen für Gespräche und um in relativer Ruhe von A nach B zu kommen. Habt Ihr darüber nachgedacht, das Event auf zwei Tage zu verlängern?
  • lasst die verzweifelt scheinenden Versuche das breite Thema Digitalisierung irgendwie in die Veranstaltung zu klemmen, das ergibt sich von allein.
  • gebt uns mehr Barcamp und weniger Internat.
  • lasst uns gefälligst eine Krawatte tragen, wenn wir das möchten.
  • segmentiert die Inhalte nach Zielgruppen und markiert das im Programm, so dass sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene zufrieden sind.
  • gebt uns weniger Phrasendrescherei, mehr Praxis, mehr Realität.
  • lasst die Massen rein und verabschiedet Euch von der elitären Ausrichtung. Der Preis muss runter, wenn nicht der Großteil des konservativen deutschen Mittelstandes von Vorneherein ausgeschlossen werden soll.

Über Jan Saarmann

ist Digital Marketing Manager bei comspace. Themen: #strategy, #seo, #onlinemarketing, #content, #social, #ideas
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Kommentare

  1. meint

    Danke für den interessanten Recap! Ich war nicht dabei, das mal vorweg. Vielleicht habe ich dann ja auch nicht ganz so viel verpasst.
    Was mich allerdings doch etwas wundert: Wenn Richard David Precht in der Keynote darauf hinweist, dass wir im Zuge der Digitalisierung in den kommenden Jahren deutlich weniger Arbeit zu verteilen haben, dann bin ich da einerseits seiner Meinung und ich verstehe andererseits die Kritik nicht, die Verbindung zu New Work sei recht dünn. Das exakte Gegenteil ist der Fall. Während New Work zunehmend von Unternehmen instrumentalisiert wird, um die eigenen Mitarbeiter noch mehr auf Produktivität und Effizienz zu trimmen (und es dabei noch gut klingen zu lassen), gerät die eigentliche Bedeutung von New Work fast in Vergessenheit. Es geht doch gerade um die Frage, wie wir gesellschaftlich mit einer Situation umgehen wollen, in der wir bei Aufrechterhaltung der herkömmlichen Arbeitsmodelle nur noch für die Hälfte der Arbeitskräfte auch einen Arbeitsplatz haben. Und ja, eine Denksportaufgabe für ein solches Szenario ist das BGE. Darüber sollten wir als Gesellschaft dringend diskutieren – auf die Flugtaxi- und Tafel-Politiker sollten wir nicht hoffen.

  2. meint

    Lieber Jan,

    Danke für den Bericht über dein Erlebnis bei der NXW. Was wäre die Alternative? Es gibt viele Barcamps, Wevents und andere Veranstaltungen die für einen weitaus geringeren Preis ein interaktives Format und Austausch auf Augenhöhe bieten. Lasst und diese bewerben und bekannter machen. Wäre vielleicht auch eine Idee für die XING Macher. Kooperiert mit einem dieser Veranstalter. Ihr habt die Reichweite und die wissen wie es besser organisiert ist.

    Ob man so allerdings die Executives rankriegt? Bis jetzt habe ich wenig auf den echten Veranstaltungen gesehen.

    Gruss,
    Tobias

    • Jan Saarmann meint

      Hey Tobias, die Frage ist berechtigt. Mit irgendeinem Barcamp kriegt man sicher die wenigsten C-Levels hinter dem Schreibtisch weg. Meine Idee wäre ja auch _mehr_ Barcamp, nicht komplett Barcamp. Dass das Event ein bissl Blingbling & große Namen als Lockmittel braucht, geschenkt. Mehr Interaktion ließe sich damit aber durchaus vereinbaren, find ich. Gruß, j.

  3. meint

    Es ist schwer, im Vorfeld einer Veranstaltung deren Sinngehalt und deren Bedeutung für die eigenen Fragen und Ansprüche zu klären. Bei mir geht das in diesem Fall sehr schnell: 1000,- € sind zu viel für mich und für meinen Arbeitgeber. Darum ist mein Focus auf Barcamps gerichtet. Da kommt geballte Kompetenz von Teilgeberinnen zusammen. Aber ob einer wie Herr Precht dabei sein würde?

    • Jan Saarmann meint

      Das ist einer der Gründe, warum ich diesen Post geschrieben habe; als Entscheidungshilfe für andere. Richard David Precht ist sicher nicht billig, aber ich glaube nicht, dass er der Hauptgrund für den Ticketpreis ist.

  4. Sarah Biendarra meint

    Hallo Jan,
    zu einigen Punkten aus deinem Blogbeitrag möchte ich meine Perspektive hier ergänzen.

    Ich denke (wie du), dass die New Work Experience eine Zielgruppe und damit eine Berechtigung hat. Für New Work Newbies kann eine Hochglanz-Veranstaltung wie die NWX durchaus ein erster Kontaktpunkt und ein „Einfallstor“ in das Thema New Work sein. Mit einem Barcamp lockt man (so fürchte ich) niemanden aus einer klassisch hierarchischen Organisation initial hinter dem Schreibtisch hervor. Die New Work Experience ist da ein erster guter Überblick, was die positiven Kommentare z.B. auf Twitter auch zeigen, die du als Hypefront bezeichnet hast. Ich würde nicht urteilen wollen, ob alle diese Menschen sich irren oder von der Veranstaltung geblendet wurden; jede_r befindet sich halt auf einem individuellen Standpunkt.

    Vielleicht ist auch der Begriff „Experience“ im Veranstaltungstitel ein irreführender Begriff, der falsche Erwartungen weckt. Denn es ging anscheinend wenig um eigenes Erleben/Erfahren (da wären wir wieder beim Barcamp), sondern mehr um ein eine Show im Sinne von Eindrücke sammeln, sich inspirieren lassen – und das hat ja anscheinend gut funktioniert. Richard Precht und Janina Kugel waren im Livestream meiner Meinung nach jedenfalls gute Impulsgeber zu den Themen Wandel der Arbeitswelt, Bildung und Diversity- und das ist es, was ich in diesem großen Rahmen für eine breite Masse erwarten würde.

    Am Ende ist eine Veranstaltung auch immer auch das was jede_r Einzelne daraus macht. Dass die New Work Experience an vielen Stellen zu dick aufträgt, hat sich anscheinend seit dem letzten Jahr nicht geändert. Aber das war ja auch zu erwarten. Und so schließt sich der Kreis zur Zielgruppe.

    Viele Grüße
    Sarah

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