Demokratie im Unternehmen ist harte Arbeit – Recap Vortrag Uwe Lübbermann

Wie funktioniert ein demokratisches und vor allem gleichwürdiges Unternehmen? Uwe Lübbermann produziert mit dem von ihm gegründeten Kollektiv seit 17 Jahren Premium Cola und mittlerweile auch diverse andere Getränke. Die produzierte Menge liegt bei 1,5 Millionen Flaschen im Jahr und ernährt im Kern mindestens 11 Personen (zumindest teilweise – dazu später mehr).

Das Unternehmen entstand aus einem Mangel an Demokratie. Uwes Lieblings-Cola hatte ihr Rezept geändert. Ohne seine Kund_innen resp. Fans zu fragen – geschweige denn zu informieren. Nachdem Uwe fast 2 Jahre lang versucht hatte, eine Rückbesinnung auf das alte Rezept zu erwirken, kam er über Umwege und einen freundlichen Abfüller an eben jenes und produzierte einfach mal 1000 Flaschen für Fans der Marke.

Das Unternehmen war geboren.

Demokratie im Unternehmen

Aus genau dem Mangel an Demokratie, aus dem Premium entstanden war, machte Uwe von Anfang eine Tugend: Das gesamte Fachwissen, gebündelte Arbeitskraft und jeder einzelne der Menschen, die bereits früh an einen Tisch kamen sollten sich einbringen können.

Nicht jeder Mensch ist gleich. Gemeinsam erklärtes Ziel ist aber: Gleichwürdig miteinander umzugehen.   

Das führt ganz konsequent zum Beispiel auch zu vollständig gleicher Bezahlung. Jeder im Premium Cola Kollektiv verdient 18 Euro die Stunde. Hinzu kommen Zuschläge für Leute mit Kindern, angemieteten Büros oder körperlichen Einschränkungen.

Die Buchhalterin ebenso wie die LKW-Fahrer_innen, wie der Abfüller oder auch Uwe, der von außen betrachtet so etwas wie die Chef-Rolle ausfüllt, aber im Selbstverständnis eher der Moderator zwischen den verschiedenen Personen und Rollen ist.

Das demokratische Unternehmen funktioniert nach 3 einfachen Regeln:

  • Jeder kann sich äußern
  • Jeder hat ein Veto-Recht
  • Schweigen ist Zustimmung

Zu Anfang dauern Entscheidungen länger als in eher konventionellen Unternehmens-Hierarchien. Sobald aber alle einmal abgeholt sind und sich eingegroovt haben, werden die Entscheidungsfindungen immer schneller – bei höherer Akzeptanz und vor allem Qualität, da jede_r sich mit all seinem Know-how einbringen konnte.

Das Veto-Recht wird übrigens nur 1-2 Mal im Jahr in Anspruch genommen.
Eine Not-Entscheidung, bei der Uwe intervenieren musste, gab es 3 Mal in 17 Jahren, da das Unternehmen sonst nicht handlungsfähig gewesen wäre.

Not-Ausschlüsse von Kollektiv-Mitgliedern gab es 2 Mal in der gesamten Zeit.

Premium Cola Flasche

Demokratische Konsens-Methoden

“Mit zufriedenen Leuten hast Du weniger Ärger” sagt Uwe. Das digitale Online-Forum in dem qualitativ hochwertige Entscheidungen herbeigeführt werden ist ein maßgebliches Instrument.

Aber auch bei Präsenztreffen wird die Kultur des Positiven gepflegt.

Drei grundlegende Punkte sind bei mir hängen geblieben:

  • Demokratie muss gelernt werden.
  • Und trainiert.
  • Und ausgehalten.

Dazu nannte uns Uwe die drei relevanten Formen von Entscheidungen und wie sie getroffen werden sollten:

1. Dinge, die einen primär selbst betreffen. Diese sollte man selbst entscheiden.

2. Dinge, die einzelne andere mit betreffen. Dann sollten diese Einzelpersonen zur Entscheidungsfindung hinzu gezogen werden.

3. Dinge, die das gesamte Unternehmen und (sehr wahrscheinlich) noch externe Menschen drum herum betreffen: HIerzu sollten alle Betroffenen mit einbezogen werden.

Bemerkenswert ist dabei, dass in den meisten Unternehmen die genaue Umkehrung dieser Standard-Methode der Entscheidungsfindung angewendet wird. Insbesondere bei Gruppe 1 und 3: Wo Du arbeitest und wie Du arbeitest, wird Dir oft vorgegeben. Im Gegensatz werden wirklich wichtige Entscheidungen mit großer Tragweite nur von wenigen an der Spitze getroffen.

Ein höherer Grad an Demokratisierung kann laut Uwe dementsprechend zu sinnvolleren Machtverhältnissen, gleichwürdigerer Ressourcenverteilung und besseren Entscheidungen führen.

Zugegeben:

Demokratie kostet Zeit und Arbeit. Mindestens initial, bis eine demokratische Organisation erst einmal ans Laufen gekommen ist. Dann rentiert sich der Einsatz langfristig allerdings.

Workshop

Eine seiner Methoden, die er sogar der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate vorgestellt hat, ist der demokratische Konsens, den wir in einer kleinen Workshop-Übung direkt ausprobieren konnten:

Ziel bei dieser Übung ist es, in 6er Teams eine Wohnung für eine WG aufzuteilen. Dabei hat jedes Zimmer seinen ganz individuellen Haken, aber auch Vorteile. Das eine ist groß, aber hat kein WLAN, das andere ist schön hell, aber kalt, eines ein Durchgangszimmer und so weiter.

Eine kurze Zusammenfassung seht ihr hier in Uwes TEDx Talk:

Eine Beobachtung, die Uwe in zahlreichen Durchläufen gewonnen hat ist: BWLer geben sich sehr oft mit den Regeln zufrieden und heterogene Gruppen kommen viel schneller auf praktische Ideen wie: Wanddurchbruch, Tür zumauern oder WLAN mit Router erweitern.

Uwes zentrale Erkenntnisse aus über 100 Workshops und seiner Unternehmenspraxis sind:

  1. Niemand schafft es, die Gruppenlösung alleine zu finden.
  2. Man KÖNNTE als Geschäftsführer_in alle einmal befragen und Meinungen einholen. Dann schafft man es aber trotzdem nicht, alle abzuholen. Denn: Die gemeinsame Phase des diskutieren und Konsens finden fehlt. In dieser wichtigen Phase verstehen alle Beteiligten die Standpunkte der anderen.
  3. Niemand möchte einen “Geschäftsführer_in” in einer WG. Warum also in einer Firma?

Bemerkenswert ist Uwes Beobachtung, die sich durch alle Workshops zieht:

Am Anfang eines Workshops haben die Menschen das Gefühl, eine neue Methode kennen zu lernen.

Am Ende stellen Sie fest: “Eigentlich konnten wir das vorher schon.”

Konsens Demokratie Workshop WG Wohnungsplan
Bild: So sah das Layout der aufzuteilenden Wohnung aus.

Keine Abhängigkeiten

Man kann nur wirklich ehrlich und gleichwürdig zusammenarbeiten, wenn man unabhängig ist. Das gilt einerseits für Premium Cola als Unternehmen, das versucht, sich möglichst wenig von einzelnen großen Kunden oder Lieferanten abhängig zu machen. Aber andererseits auch für die Mitarbeiter, die neben ihrer Arbeit für Premium Cola noch andere Standbeine haben.

Von den 1700 gewerblichen Partnern im Netzwerk von Premium Cola nehmen ungefähr 120 das Angebot an, direkt und demokratisch am Kollektiv mitzuarbeiten. Eben so viele Kunden sind in dem einfachen phpBB Forum vertreten, über das seit einigen Jahren die digitale Arbeit und Konsensfindung ermöglicht wird. Von den knapp 240 Leuten, die dabei sind, äußern sich wiederum auch nur ein Teil von 10-20%. Der Rest liest still mit und bringt sich nur bei wichtigen Fragen ein. Das macht die Arbeit auch durchaus mach- und überschaubar.

Mindmap Uwe Lübbermann
Uwe Lübbermann und eine Mindmap des Premium Cola Kollektivs

Das Konzept Antimengen-Rabatt hat es bereits in 3 BLW-Bücher geschafft und besagt, dass nicht die großen Abnehmer weniger für die Premium Cola Produkte bezahlen dürfen, sondern die besonders kleinen Abnehmer. Denn die haben den höheren logistischen Aufwand. Wenn Uwe das zusammen mit den transparenten Kosten für den Verkauf einer einzelnen Flasche Premium Cola erklärt wird es auch total klar, wer mit der Aushändigung einer Flasche an den Endkunden die meisten Kosten hat.

  • Der Einzelhandel bzw. Gastronom. Die bewegen eine einzelne Flasche zum Kunden.
  • Der Großhändler bewegt Kisten oder Paletten.
  • Premium Cola, der Logistiker und der Abfüller ganze LKW.

Uwe beschreibt das so: “Nur dem Markt zu vertrauen, ist doch reine Faulheit.” So werden aus Sponsoring-Anfragen oft Kunden, wenn sich das Verständnis einstellt, wo ein Produkt gesponsort werden kann:“Das, worauf wir beim Sponsoring verzichten können ist der Transport. So können wir eine Kiste statt für 15 Euro für 12,50 Euro anbieten. Die meisten verstehen dann, dass es sich für zwei Euro fuffzich nicht lohnt, zum Abfüller zu fahren und die Cola-Kisten selbst zu holen. Vielmehr ergibt sich dann eine andere Grundlage für eine Einigung.”

“Werbung ist auch so ein Thema!” sagt Uwe. “Wir müssten 1 bis 2 Euro pro Kasten für Werbung einrechnen. Also ihr als Kunden bezahlt vorab dafür, um später noch einmal mit Werbung genervt zu werden, die ihr gar nicht bestellt habt. Also lassen wir die gleich weg.”

Keinen Gewinn zu erzielen ist demokratisch

Es hört sich im ersten Moment ununternehmerisch an, aber Uwe erklärt das so: “Wenn wir am Ende des Tages einen Gewinn erwirtschaften, dann haben wir entweder den Kunden zuviel Geld abgenommen oder den Lieferanten und Mitarbeiter_innen zu wenig bezahlt.”

So hat sich Premium Cola auch bereits von Vertriebspartnern getrennt, die egoistisch gehandelt haben und zum Nachteil des Kollektivs in andere Länder verkauft haben, weil sie damit ein bisschen mehr Profit machen konnten.

Übrigens war das Unternehmen schon mal fast pleite durch zu viel Erfolg. Zu viel Erfolg erzeugte die Notwendigkeit von Vorproduktion und damit von Außenständen, die nicht schnell genug wieder herein geholt werden konnten. Zwei der größten Kunden sprangen ein und boten an, ihre Rechnungen schneller beziehungsweise vorab zu bezahlen, um Premium Cola liquide zu halten.

“Geld kann sehr wichtig sein, wenn Du zuwenig davon hast. Was wir brauchen ist ein ausreichendes Einkommen aber nicht mehr. Sowohl als Unternehmende und auch Gesamt-Gesellschaft.”

Stakeholder Bekümmerer

Premium Cola versteht sich mehr als Organisations Dienstleister, denn als Getränkehersteller. Mit dem ausgeklügelten Betriebs-System entsteht zwar das Endprodukt Cola für die Kunden, aber eigentlich geht es mehr darum, die Menschen zusammen zu bringen, die am Herstellungs- und Verteilungsprozess beteiligt sind.

Weitergabe des Betriebs-Systems

Der Betrieb Premium Cola funktioniert auf Basis eines Systems. Eben eines Betriebs-System. Und genau das kann unter Creative Commons Lizenz auf den Premium Seiten herunter geladen werden. Kostenlos.

Die geballte Erfahrung und das Know-how von Uwe und anderen Mit-Kollektivist_innen gibt es mittlerweile auch als Beratungsleistung einzukaufen.

Der erste zahlende Kunde waren tatsächlich die bereits oben erwähnten Vereinigten Arabischen Emirate. Man kann sich relativ schnell vorstellen, dass es da das eine oder andere Problem mit dem Annehmen solcher Methoden gibt 😉 Das Ziel, das Uwe den Regierungsmitarbeitern gegeben hat war einfach Behaltet die alte Struktur als Sicherheitsnetz aber: Benutzt sie möglichst nicht, denn dann eröffnet sich der Raum für alternativen, man hat aber die Sicherheit wieder zurück zu gehen, falls etwas nicht klappen sollte.

Ein anderes Beratungsbeispiel war zwei Altersheime, in denen über 900 Essen weggeworfen wurden. Die erste Frage und gleichzeitig Lösungsansatz, den Uwe mit dem Team relativ schnell heraus gearbeitet hatte war: Gibt es einen Austausch zwischen Betreiber, Bewohner und Küchendienstleister?

Wurde gefragt: Welche Art Essen wird am häufigsten weggeworfen? Was schmeckt den Bewohnern nicht? Welche Essen kommen häufiger kalt an und schmecken dann besonders wenig? Und dann weiter zu fragen: Was braucht ihr, damit wir das Problem lösen können?

Wandel braucht Zeit

Bis Uwe selbst von Premium Cola leben konnte, dauerte es Jahre. Derweil behielt er seinen Hauptjob und betrieb die Arbeit am Kollektiv nebenher als andere schon fast in Vollzeit als Cola-Hersteller und Stakeholdebekümmerer am Start waren. Dafür sagt er selbst, ist er ein zu Sicherheit liebender Mensch.

Doch auch eine eigene Erkenntnis samt Wandel der Erwartungen brauchte bei ihm eine lange Zeit:

“Wenn ich möchte, dass etwas getan wird, dann muss ich es erklären und darum bitten, dass es getan wird. Wenn dann einer sagt ‘Ich mach das!’ freue ich mich erstmal gar nicht. Sondern erst dann, wenn jemand die Aufgabe auch wirklich erledigt hat.”

Ähnlich stoisch sieht es bei Eskalationen und Aufregern aus: Ruhig und besonnen der demokratisch gewählten Linie des Kollektivs treu zu bleiben kostet Kraft und braucht auch etwas Erfahrung. Nämlich die Erfahrung, dass langfristig doppelt gewonnen wird, wenn man sich nicht durch einzelne, die lauter sind, vom gemeinsam gewählten Kurs abbringen lässt.

Und:

Um eine einmal getroffene Entscheidung zu ändern brauchst Du vor allem eines:
Eine bessere Entscheidung.

Uwes Klapprad, mit dem er vom Bahnhof zu comspace radelte:

Auch eine bessere Entscheidung, als bsw. ein Taxi zu nehmen :=)

Uwe Lübbermann Klapprad

Dieser Artikel ist ein Rückblick auf das kooperative Event, das wir gemeinsam mit OWL Maschinenbau im Rahmen des Lernenden Netzwerk OWL (Teil des Projektes Arbeits 4.0) durchgeführt haben.

Lernendes Nwtzwerk Maschinenbau OWL Malte Meyer

Einige Tweets der Gäste:

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