Datenschutz macht Schule – ein erfolgreiches Experiment

Gesetz vs Realität

Das Sensibilisieren der Mitarbeitenden auf Datenschutz ist zwar gesetzlich vorgeschrieben, wird aber gerne vernachlässigt.
Noch nachlässiger wird leider an vielen Schulen mit dem Thema umgegangen: Die haben zwar Datenschutzbeauftragte, sehen diese allerdings oft nicht regelmäßig. Und geschult wird auch fast nicht. Welch eine Ironie eigentlich, immerhin stecken Schulen doch mittendrin in dem Ding mit dem Bildungsauftrag. 

Es gibt aber eine Gruppe, die in Bezug auf Datenschutz und Datensicherheit oft komplett vergessen wird: Die Schülerinnen und Schüler. 

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Digitalisierung: Datenschutz macht Schule

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Corona hat mehr für die Digitalisierung getan, als jeder Digitalpakt, jede Behörde und jeder Chief Technology Officer es jemals könnte. Das ist zunächst mal eine begrüßenswerte Entwicklung, wenn es denn nicht auch die üblichen Risiken und Nebenwirkungen gäbe, denen man sich stellen muss: Dem Datenschutz und der Datensicherheit beispielsweise.

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Gibt es Montessori Unternehmen? Ein Angebot an Schulen & Beitrag zur #AUGENHOEHEmachtSchule #Blogparade

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Es gibt eine Management-Theorie, die lautet sinngemäß:

„Die Hauptaufgabe eines Unternehmens besteht darin, positive Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter_innen zu schaffen, in denen sie gut und produktiv arbeiten können und sich wohlfühlen. Und dann sollte das Unternehmen den Menschen nicht im Weg rumstehen.“

Sarah hat mir mit ihrem ersten Beitrag zur Blogparade vom Projekt Augenhöhe macht Schule eine tolle Anregung geliefert, die ich hiermit gerne weiter denken möchte. Einerseits kommen hier meine meinen ersten Erfahrungen mit der Montessori-Pädagogik zum Einsatz und zum Abschluss würde ich gern ein Angebot zum Austausch mit Lehrern aus Regelschulen ableiten.
Alles fing neulich mit dieser Erkenntnis an:
Viele digitale Unternehmen sind möglicherweise (und ohne es zu wissen), so etwas wie „Montessori Unternehmen“. Und damit meine ich nicht, dass Unternehmen mit Kindergärten vergleichbar sind (auch wenn das garantiert in den besten Firmen ab und an vorkommt) ;).
Vor einigen Wochen habe ich aus Eigenbedarf begonnen, mich mit der Montessori Pädagogik zu beschäftigen und habe neben allgemeinen Infotagen auch zwei Workshopabende besucht, in denen Arbeitsweisen und Arbeitsmaterial von Maria Montessori im Kindergarteneinsatz vorgestellt wurden.
Da meine Tochter wohl bald in eine Montessori-Gruppe gehen darf, habe ich über den Tellerrand hinaus recherchiert und festgestellt: Larry und Sergei, die beiden Google-Gründer sind Montessori-Schüler. Mark Zuckerberg von Facebook und Jeff Bezos von Amazon wird ebenfalls nachgesagt, in vergleichbaren Schulen gewesen zu sein. Inwiefern es eine Kausalität zwischen Pädagogik-Formen, Lernweisen, innovativem Denken und erfolgreichem Unternehmertum geht, lässt sich auf der Basis von diesen 4 Anekdoten sicher nicht begründen. Selbst Quarks und co ließ sich in seiner Sendung aus dem Juli 2017 zum Thema Schulsystem nicht zu einer solchen Schlussfolgerung hinreißen (ab Min. 39:00)
Aber es sind interessante Anhaltspunkte, sich mal genauer mit den Schnittpunkten zu beschäftigen, oder?
Die zentrale Leitlinie von Maria Montessori geht so:

„Hilf mir, es selbst zu tun. Zeige mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun. Hab Geduld meine Wege zu begreifen. Sie sind vielleicht länger, vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will. Mute mir Fehler und Anstrengung zu, denn daraus kann ich lernen.“ Maria Montessori

Übertragen auf das eingangs erwähnte Zitat zu Arbeitsorganisation ist das eine prima Brücke: „Hilf mir, meine Arbeit selbstorganisiert zu erledigen.“

Ist Montessori nicht dieses Konzept, in dem alle Kinder einfach machen können, was sie wollen?

Jain. Wer denkt, Kinder in Montessori Kitas oder Schulen würden den ganzen Tag nur machen, was sie wollen, sitzt (wie ich anfangs) einem Trugschluss auf.
Denn:
In Montessori Einrichtungen gibt es sehr klare Strukturen und Ordnungen. Ja, die Kinder können sich aussuchen, womit sie sich beschäftigen.
Aber:
Sie wählen dabei aus der großen Fülle von Materialien, die in den Einrichtungen immer ähnlich vorhanden und auf konkrete Lernziele ausgerichtet sind. Diese Lernziele liegen im Vorschulbereich vor allen in den Themen Sprache, Mathematik, Naturwissenschaft und alltägliche Fähigkeiten.
Das heißt:
Es wird eine Umgebung geschaffen, in der die Kids die freie Wahl haben, ob sie sich heute mit Zahlen, Buchstaben, Geometrie, Erdkunde oder oder oder beschäftigen möchten. Und dann halten sich die Erzieher_innen erstmal weitestgehend raus und lassen die Kinder selber machen.
Übrigens sprechen Montessori-Pädagogen davon, dass Kinder mit den Materialien „arbeiten“ und nicht „spielen“.
Das hat einfache Gründe:
Zum einen sind die Materialien sehr hochwertig, damit auch teuer und eben keine Spielzeuge.
So gibt es u.a. bis zu einem Meter lange Stangen, die die Zahlen von 1 bis 10 symbolisieren. Auch wenn es einladend wäre, bsw. Ritter oder Cowboy mit den Stangen zu spielen, dienen sie einem ganz bestimmten Zweck und sollen nur dafür verwendet werden.
Zum anderen wird der weiter unten beschriebene Aufmerksamkeitszustand respektiert und Kinder während sie mit einem Material arbeiten nicht gestört, damit sie sich so lange konzentriert beschäftigen können, wie es das Kind benötigt.

„Unser Material ….soll Helfer und Führer sein für die innere Arbeit des Kindes. Wir isolieren das Kind nicht vor der Welt, sondern geben ihm ein Rüstzeug, die ganze Welt und ihre Kultur zu erobern. Es ist wie ein Schlüssel zur Welt und nicht mit der Welt zu verwechseln.“ Maria Montessori

Dieser Zweck hat auch ein klares Ziel. Flow.

Oder wie es im Montessori-Umfeld heißt: Polarisation der Aufmerksamkeit. Also ein völliges Fokussieren auf die aktuelle (selbstgewählte und selbstorganisierte) Aufgabe und dabei Raum und Zeit vergessen, abwechselnd Kontrolle über die Tätigkeit haben und an die Grenzen des Könnens kommen, um weiter zu lernen, dadurch mit Leichtigkeit Erfolgserlebnisse erzeugen und die intrinsische Motivation erhalten.
Was Polarisation genau bedeutet, lässt sich hier im Blog eines ehemaligen Kollegen von mir nachlesen, der selber Pädagogik studiert hat. Dabei ist aber besonders interessant, wo und in welchem Zusammenhang er studiert hat: Bei der Bundeswehr. Unter anderem war er als Führungsoffizier an Planungsaufgaben der Restrukturierung der Streitkräfte beteiligt. In diesem Zusammenhang finde ich eine Beschäftigung mit Montessori-Hintergründen bemerkenswert. Das hätte ich weder Business-Kontext und viel weniger mit militärischen Hintergrund erwartet.
Um tiefer einzusteigen empfehle ich dieses Video hier, vom Begründer des Flow-Begriffes:

Was hat das nun mit Unternehmen und AUGENHÖHEmachtSchule zu tun?

Danke, dass Sie fragen. Ich sehe da in der Vorgehensweise und Strukturierung der Arbeit eine interessante Parallele:
So wie in Montessori-Einrichtungen die Arbeits-Materialien zur Verfügung stehen, die sich Kinder holen können, um mit ihnen selbstorganisiert zu arbeiten und zu lernen, so stehen in selbstorganisierten Unternehmen ähnliche Strukturen zur Verfügung:
Dazu müssen wir nicht mal Richtung Google schielen, sondern schauen einfach mal, wie Arbeit in Agenturen und digitalen Unternehmen abläuft (übrigens oft ganz organisch gewachsen, ohne, dass sich jemand bewusst Gedanken über Arbeitsorganisation oder gar eine reformpädagogische Ausrichtung gemacht hätte):
Einige zentrale Werkzeuge helfen dabei, den Überblick zu behalten, welche Arbeit, wann, wie und von wem erledigt werden sollte. So wird Selbstorganisation deutlich erleichtert oder sogar erst ermöglicht. Hier mal eine vereinfachte Übersicht:

  1. Standup-Meetings = persönliche Team-Koordination, Ressourcenplanung und Aufgabenvergabe, sowie die Frage: Wer kann welche Aufgabe am besten lösen?
  2. Ticketsystem & Kanban-Boards = zu erledigende Aufgaben – einmal aus Kunden- einmal aus Team-Perspektive betrachtet
  3. Kalender = Zeitplanung und gemeinsame Terminkoordination
  4. Wiki und Google Docs = Projekt-Dokumentation, Hersteller-Know-how und Absprachen mit Kunden
  5. Mail, Chats, persönliche Kommunikation = Detailabstimmungen zwischen Mitarbeiterr_innen, Partnern und Kunden

Das heißt:
So wie sich Montessori-Kinde aus den oben beschriebenen Materialien das heraussuchen können, womit sie arbeiten möchten und sich damit innerhalb bestimmter Grenzen selbst organisieren, können sich auch in selbstorganisierten Unternehmen die Menschen aus einem Pool von konkreten Aufgaben in entsprechenden Grenzen (die von Teams, Kunden und Unternehmen vorgegeben werden) frei entscheiden, woran sie aktuell arbeiten wollen:

  • neue Funktionen programmieren
  • erkannte Fehler korrigieren
  • Umsetzung von Kundenwünschen planen
  • Content produzieren und pflegen
  • Social Media Kanäle pflegen
  • Events vorbereiten
  • Termine mit Kunden oder dem Team wahrnehmen
  • sich weiterbilden und mit neuen Technologien experimentieren
  • Optimierungspotenzial herausfinden

Und das ist ein großer Unterschied zur früheren industriellen Arbeitsweise. Sei es am Fließband oder auch im Sachbearbeiter-Büro, in dem der Stapel von Aufträgen nach Auftragsnummer von oben nach unten abgearbeitet wurde. Entweder weil man das eben so machte oder auch, weil keine alternative Arbeitsweise vorhanden war und auch nicht entwickelt werden durfte.
Einen Auftrag auf Papier kann eben nur einmal in einen Aktenordner einsortiert und auch nur durch eine Person gleichzeitig bearbeitet werden.
Was die Digitalisierung verändert:
Das gleiche digitale Dokument kann an beliebig vielen Stellen gleichzeitig existieren und auch von beliebig vielen Menschen gleichzeitig bearbeitet werden.
Selbst im industriellen Umfeld können nun Maschinen digital gemanaged und Werkstücke digital entworfen oder zumindest vorbereitet werden.
Im industriellen Kontext empfehle ich da mal einen Blick auf den Toyota Weg zu werfen. Schließlich stammt das Kanban-Konzept aus den Werkshallen des Autobauers, mit dem heute agile Softwareentwicklung, Management und immer mehr Aufgaben betrieben werden. Und auch hier findet sich das Prinzip der Selbstorganisation und des Selbstwählens von Arbeitsaufgaben wieder. Ergebnis sind bsw. vielfältigere Teams mit besseren Fähigkeiten und zufriedenere – weil mündige – Mitarbeiter.
Ohne dass sich Unternehmen bewusst mit Montessori-Pädagogik beschäftigt hätten, finden sich erstaunlich viele Parallelen wieder. Es könnte also durchaus was dran sein, am Montessori-Unternehmen.
Da stellt sich dann auch die berechtigte Frage:
Wenn es doch einerseits bereits ein Schul- und Kindergartensystem gibt und vergleichbare Methoden auch im Arbeitsleben funktionieren:

Warum überträgt dann niemand diese Erkenntnisse ins Regelschulsystem?

Auf diese Frage maße ich mir keine Antwort an. Dazu kenne ich mich zuwenig mit unserem Schulsystem aus. Meine eigenen Erfahrungen liegen fast 25 Jahre zurück und bis meine Tochter eigene Erfahrungen sammeln kann, vergehen noch gut 4-5 Jahre.

Einen Ausblick auf die Zukunft von Arbeit und Bildung möchte ich trotzdem wagen

Eines lässt sich schon heute feststellen: Unsere Welt wird nicht nur immer schneller. Sie wird auch immer schneller immer komplexer. Moore’s Law besagt seit 1965: Die Rechnergeschwindigkeit bzw. Prozessorkomplexität verdoppelt sich alle 12-24 Monate bei gleichen oder geringeren Kosten.
Dieses exponentielle Wachstum ist für die meisten Menschen immer noch schwer greifbar. Es betrifft aber längst nicht mehr nur eine klitzekleine Nische von Büromaschinen, sondern unseren gesamten Alltag und nach Gerätschaften wie Smartphones oder Smarthomes beschleunigen sich nun auch Technologien wie künstliche Intelligenz und lernende Maschinen selbst.
Mittlerweile können sich die AutoML Systeme von Google besser selber beibringen, wie sie lernende Maschinen programmieren sollen, als die Programmierer, die sie gebaut haben. Und das mag im ersten Moment bedrohlich wirken.
Kevin Kelly, einer der derzeit angesehensten Futurologen und Technologie-Experten sagt dazu:

„In wenigen Jahrzehnten werden wir für die meisten Antworten eine Maschine konsultieren. Aber einige ganz wichtige Fähigkeiten werden noch sehr lange den Menschen vorbehalten bleiben, wie zum Beispiel:
Mit Kreativität und guten Fragen die richtigen Entdeckungen zu machen.“

3 Fähigkeiten, die wir zukünftig lehren (und lebenslang lernen) sollten:

Die folgenden 3 Fertigkeiten sollten wir unseren Kindern – aber auch uns selbst beibringen, um für die digitale und sich exponentiell entwickelnde Zukunft gewappnet zu sein.
Die Punkte 1 und 2 stammen ursprünglich von Seth Godin, der argumentiert:

„Es gibt unzählige Länder, in denen die Menschen in blindem Gehorsam bereit sind, für viel weniger Geld viel härter zu arbeiten. Wir können in einem solchen Wettbewerb von Gehorsam nicht bestehen. Vielmehr können wir uns nur heraus-führen oder heraus-lösen.“

1.Führen lernen

Führen zu lernen bedeutet zweierlei: Einerseits in den Bereichen, in denen man sich persönlich gut auskennt die Führung FÜR andere übernehmen zu können. Nicht um der Chef, der Anführer oder selbsternannte Leitwolf zu sein. Vielmehr sollte man sich in einer Führungsposition als Dienstleister für die Geführten sehen. Wie bei einer Stadtführung. Die Geführten sind die eigentlichen Chefs bzw. Klienten, die von der Dienstleistung des Geführtwerdens profitieren.
Mit dieser Umkehr der Perspektive gehen zwei Dinge einher:

  • Denkt man Führung aus einer fachlichen Perspektive neu, verhält man sich anders. Ist auch bereit, die Führung wieder abzugeben, sobald sich eine Aufgabe in eine neue Fachrichtung entwickelt, in der andere besser sind.
  • Sich selbst führen zu können ist eine Voraussetzung für Punkt 1 und 3. Wer sich selber führen kann – und hier ist Selbstdisziplin genauso ein Bestandteil wie Motivation, Orientierung, Spaß, und viele weitere Bestandteile, der wird nicht nur produktiver und verlässlicher für andere, sondern logischerweise auch besser darin andere zu führen.
  • Schlussendlich bringt man sich selber dazu, besser geführt zu werden. Wer selber gut führen kann, weiß um die Wichtigkeit auch gut geführt zu werden. Zusammen mit dem Dienstleistungsgedanken und der Selbstführung ergibt sich eine Fähigkeit, die Menschen mehr Empathie ermöglicht und flexibler und bedarfsorientiert die Rollen wechseln lässt.

Alle drei Ausprägungen von Führung sollten Kinder in der Schule lernen, erfahren und selbst ausprobieren können.

2.Lernen durch das Lösen interessanter Probleme

Damit sind wir wieder bei den Ansprüchen an moderne Schulen: Wer interessante Probleme lösen darf, lernt zu recherchieren, sich zu begeistern, sich in etwas hinein zu denken und hinein zu fühlen, sich zu motivieren und im interdisziplinären Team zu arbeiten (was zukünftig weitaus wichtiger ist, als Generalisten mit Standard Abitur-Wissen zu züchten).
Interessante Probleme zu lösen, vermittelt viele Fertigkeiten, die wir WIRKLICH brauchen.
In der Arbeit mit interessanten Problemen dürfen Menschen – insbesondere Schüler – sich in allen o.g. Fähigkeiten ausprobieren und werden nicht kritisiert, wenn etwas fehlschlägt. Denn Kinder sind nicht doof: Wenn sie im Falle eines Fehlschlags Ärger bekommen, gehen sie wieder zum Bulimie-Lernen und Dienst nach Vorschrift über.
Vielmehr werden Dinge, die nicht funktioniert haben, besprochen, analysiert und nach funktionierenden Lösungen gesucht.
Was können solche Probleme sein (im Arbeitsumfeld wie im Schulumfeld):

  • Events organisieren
  • Produkte entwickeln
  • Arbeitsräume planen und gestalten
  • Medien produzieren
  • Arbeitsmaterial beschaffen und/oder herstellen
  • Events, Produkte, Medien vermarkten
  • Wege finden, um Menschen zu erreichen und aufmerksam zu machen
  • Möglichkeiten finden, sich mit der Arbeit gleichzeitig sozial zu engagieren

Diese Meta-Aufgaben dürften genug Raum bieten, um 80% des Lehrplanstoffs aus Regelschulen sinnvoll unterzubringen.

3. Dinge verlernen und neu denken

Zum Lernen gehört auch das Verlernen können.
Welches Know-how hat mich zwar bis hier her gebracht, wird mir aber in Zukunft nicht mehr helfen oder sogar im Weg stehen?
Das können Prozesse sein, die einfach nur noch erledigt werden, „weil wir das schon immer so gemacht haben“ – was wir im Six Sigma bsw. Hidden Factories nennen.
Das betrifft Tools, Produktionsmittel und Methoden, die konsequent weiter genutzt werden, weil sie eben angeschafft wurden. Auch wenn sie keinen Sinn mehr machen oder technisch überholt (aber eben bezahlt) sind.
Das meint das Festhalten an Produkten, die noch einige Zeit verkauft werden, aber für die von heute auf morgen der Markt fehlen kann.
Prominentes Beispiel der jüngeren Vergangenheit: Kodak-Filme. Nehmen wir als zukünftiges Beispiel die Zulieferer der Autoindustrie. Wer 50 Jahre in die Entwicklung der perfekten Knöpfe in einem Auto Cockpit gesteckt hat, dem fällt es natürlich unglaublich schwer, ein Szenario zu akzeptieren, in dem möglicherweise in 5 Jahren keine Knöpfe sondern nur noch Displays in Autos zu finden sind. Und noch schwerer zu akzeptieren, dass in 20 Jahren keine Knöpfe mehr in Cockpits zu finden sind, weil dort auch keine Fahrer mehr sitzen werden.
Die Fähigkeit das Erkennens von Überflüssigem, des Akzeptierens von Fehlern, daraus lernen und altes nicht mehr zu tun wird immens wichtig werden.
Positiv ausgedrückt gehört hierzu das Neudenken. Schnell entscheiden, welche Werkzeuge, die man vor 1 Jahre gerade erst eingeführt hat, wieder abzustoßen und zu einem neuen Tool zu wechseln, das besser zu den Unternehmensprozessen passt.
Unternehmensprozesse! Gutes Stichwort:
Gunter Dueck scherzt immer wieder gerne darüber, dass Unternehmen SAP einführen und dann Millionen und Jahre darauf verwenden, das SAP an die antiquierten Unternehmensprozesse anzupassen anstatt die Unternehmensprozesse zu kippen.
Diese Problematik wird sich noch deutlich verstärken und betrifft auch unsere Agentur-Branche. Auch wenn wir digitale Entwicklungen und Tools an unsere Kunden verkaufen und erfolgreich implementieren, müssen wir unsere eigenen Arbeitsweisen immer wieder hinterfragen und modernisieren.
Alleine schon, damit wir uns nicht zu sehr unseren Kunden in Prozessen und Arbeitsweisen annähern, sondern flexibel und agil genug bleiben, um uns als erste mit den Veränderungen, die aus der Digitalisierung hervorgehen, arbeiten zu können.
Daher sollten wir täglich Neues dazu lernen und in der Lage sein, unseren Kunden regelmäßig neue Lösungen für aufkommende Probleme zu bieten.
Dieses Zitat von Maria Montessori trifft in dem Zusammenhang genauso auf die Organisation Schule zu, wie es auf die Organisation Unternehmen zutrifft, oder?

„Die Freude, das Selbstwertgefühl, sich von anderen anerkannt und geliebt zu wissen, sich nützlich und fähig zu fühlen, das sind Faktoren von ungeheurer Bedeutung für die menschliche Seele. Schließlich bilden das Selbstwertgefühl und die Möglichkeit, an einer sozialen Organisation teilzuhaben, lebendige Kräfte. Und das gewinnt man nicht, indem man Lektionen auswendig lernt oder Probleme löst, die nicht mit dem praktischen Leben zu tun haben. Das Leben muß zum zentralen Punkt werden und die Bildung ein Mittel.“

Fazit für AUGENHÖHEmacht Schule und ein Angebot an die Regelschulen

Alle 3 vorgeschlagenen Fertigkeiten passen wunderbar unter das eingangs erwähnte Leitmotiv:
„Hilf mir, es selbst zu tun.“
Auf der einen Seite haben wir also nun die Montessori Pädagogik, die bereits seit über 100 Jahren in Kinderhäusern und Schulen erfolgreich eingesetzt wird.
Auf der anderen Seite Tech-Companies, Startups und Agenturen, in denen vergleichbare Methoden angewendet werden, die vielleicht sogar durch Menschen inspiriert sein könnten, die entsprechende Schulsysteme durchlaufen haben.
Eine Einladung:
Vielleicht sollten wir als Unternehmen allen interessierten Schulen einen offenen Austausch anbieten:
Das heißt Lehrer erleben lassen:

  • Wie arbeiten wir in digitalen Unternehmen?
  • Welche menschlichen Fähigkeiten benötigen wir in der digitalisierten Arbeitswelt von morgen eigentlich?
  • Welche Methoden und Werkzeuge kann Schule möglicherweise heute schon ohne Probleme nutzen?

Was denken Sie?
Wir würden uns jedenfalls über einen Austausch mit Schulen freuen und könnten uns beispielsweise einen Open Space vorstellen, bei dem wir gegenseitig voneinander lernen können. Bei Interesse, nehmen Sie hier einfach Kontakt mit uns auf.
 
Artikelbild Samuel Zeller on Unsplash

Selbstorganisation rules – Wie Barcamps und Open Spaces auch in einer Schule auf Augenhöhe funktionieren können.

„AUGENHÖHE macht Schule – was macht Schule auf AUGENHÖHE aus?“ lautet der Titel der Blogparade des Augenhöhe-Teams im Zusammenhang mit ihrem neuen Filmprojekt.
Erst wollte ich meckern. Über Schul- und Lehrkraft-Details, die mir nicht gefallen. Über 34-Punkte-Regellisten für Schülerinnen und Schüler, die ich für kontraproduktiven Nonsens halte. Aber nörgeln tun schon die meisten und Ideen, was besser laufen müsste, haben auch schon viele. Und überhaupt kann man inhaltlich sowieso schwer sagen, welche Themen denn nun an zukunftsorientierten Schulen gelehrt werden müssen (Informatik & Programmieren oder eher Geisteswissenschaften & Kunst?). Man kann sich zu Recht streiten und vielleicht liegt die Antwort nicht in einem Entweder-oder.

 
Im Rahmen dieser Blogparade sind bereits interessante Perspektiven zusammengetragen worden. Bei Schule auf Augenhöhe gehe es demnach z.B. um Problemlösefähigkeit oder wieder neu “Denken lernen”, wir Conny Dethloff es beschreibt.
Radikal formuliert es Ardalan Ibrahim in seinem Blogbeitrag, indem er sagt “Es geht in der Schule für Morgen ausschließlich um den Erwerb sozialer Kompetenzen und um nichts anderes.”
In “We don’t need no education.” spricht sich der Autor Cemo Can in seinem Beitrag zur Blogparade generell für weniger Erziehung und mehr Bildung aus.

Was Vorlesen mit Selbstorganisation zu tun haben kann

Ergänzend dazu wurde mir mein Thema zur Blogparade dann quasi auf dem Silbertablett präsentiert. Es war letzten Freitag und Bundesweiter Vorlesetag. Bei comspace hatten wir einen wundervollen, interessanten und inspirierenden Vorlesenachmittag mit (ehemaligen) Kolleginnen und Kollegen, Familie, Freunden und geschichtenbegeisterten Kindern. Für zwei Stunden Vorlesezeit hatten wir 8 interne Vorleser_innen begeistern können und standen somit vor der Frage, wie wir die zeitliche Planung organisieren.
Also machten wir einen Sessionplan, ganz wie man ihn bei selbstorganisierten Veranstaltungen wie Barcamps oder Open Spaces kennt.  Innerhalb des Vorlesenachmittags gab es je zwei Slots parallel und nach jedem Slots konnten die Kinder neu entscheiden, welchen Büchern und Vorlesern sie lauschen wollten.

 
Und was soll ich sagen?
Das funktionierte groß-ar-tig. Die Kinder konnten anhand der Buchcover entscheiden, in welchen Leseraum sie gehen wollen. Manche entschieden zum Beispiel weniger nach dem Buch und mehr nach dem oder der Vorlesenden, wenn z.B. Mama oder Papa gerade mit Lesen dran waren.  Natürlich haben die Eltern die Kindern ein wenig angeleitet, ihnen erklärt, wie der Ablauf funktioniert und sie bei jedem Slotwechsel bei ihrer Entscheidung unterstützt.

Interessengeleitete Bücherauswahl und selbstbestimmtes Zuhören klappt sogar mit Vor- und Grundschulkindern.

Wenn wir darüber in Dialog treten wollen, was eine Schule auf Augenhöhe ausmacht, sollte selbstorganisiertes Lernen mit auf der Liste stehen.
Das wäre für mich praktisch in zwei Ausprägungsstufen denkbar.

  • Stufe 1 – Die Basics: Selbstorganisation innerhalb eines festgelegten inhaltlichen Rahmens. Die Lehrer_innen erarbeiten die Inhalte und den Stundenplan und unterstützen die Schüler_innen wenn nötig bei ihren Entscheidungen. Die Schüler_innen können sich zwischen mehreren Angeboten selbstbestimmt entscheiden, welches Thema sie heute lernen wollen.
  • Stufe 2 – Die Königsdiziplin: Wie bei einem Open Space bringen die Schüler und Schülerinnen für sie interessante Themen des Lehrplans ein, übernehmen Verantwortung für “ihre” Session und erarbeiten mit den anderen gemeinsam die relevanten Inhalte. Ähnlich wird das z.B. heute schon in der Bielefelder Laborschule praktiziert. (Wer mehr zu den Erfahrungen mit dem Konzept “Demokratie leben und lernen” der Laborschule Bielefeld machen möchte, wird hier fündig.)

Wie Schulen sich in Richtung Selbstorganisation entwickeln können

Mit dem Augenhöhe macht Schule Filmprojekt verbinde ich die Hoffnung auf den Beginn eines Dialoges innerhalb und zwischen Schulen, Eltern und Pädagogen. Unser Beispiel vom Vorlesenachmittag zeigt, dass auch Schulen und lernende Unternehmen einiges voneinander lernen können. Zum Beispiel durch einen Austausch zu Fragen wie:

  • Wie können sich Mitarbeiter_innen und Kolleg_innen in einem vorgegebenen Rahmen selbst organisieren?
  • Wie lässt sich ein Umfeld schaffen, in dem Selbstorganisation und intrinsische Motivation gedeihen können?
  • Wie können wir Eigenverantwortung stärken und Menschen ermutigen die richtigen Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen?