Beyond Tellerrand 2019 – ein Rückblick

In diesem Jahr nahmen wir zum zweiten Mal an der Beyond Tellerrand teil. Einer Konferenz, die es immer wieder aufs Neue schafft, hochkarätige Speaker aus aller Welt auf die Bühne zu bringen. Die Themen sind breit gefächert und umfassen sowohl Design und Kunst als auch Webtechnologien. Die Location (das Capitol in Düsseldorf) schafft dabei eine familiäre Atmosphäre.

Am Vorabend der Konferenz machten wir uns auf den Weg in die Landeshauptstadt, um am Warm Up Event im Hause Wacom teilzunehmen. Dort gab es bei kühlen Getränken schon einmal die Möglichkeit, mit anderen Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen.

An den Veranstaltungstagen erwarteten uns dann beeindruckende Vorträge, aus denen wir – sowohl bewusst als auch unbewusst – viel für uns mitnehmen konnten.

Grenzen als Chance begreifen

Charlie Owen begann damit, der Konferenz einen thematischen Rahmen zu geben: Die Umstände und Einschränkungen, mit denen wir täglich zu tun haben. Sie verglich die Rahmenbedingungen, welche uns bei unserer Arbeit begegnen (zu unterstützende Browser, das Anstreben von Barrierefreiheit, usw.) mit den Gesetzen der Physik, an die wir uns ebenso gewöhnt haben. Sie ging sogar so weit zu sagen, dass uns solche Rahmenbedingungen nicht einschränken, sondern uns im kreativen Schaffensprozess fördern.

Inklusive Dokumentationen

In dem Talk „Humanising your Documentation“ gab Carolyn Stransky Hinweise und Tipps, wie eine inklusive Dokumentation aussehen sollte. Sie riet, Dokumentationen „goal driven“ zu schreiben. Zu erklären sind bei diesem Ansatz nicht primär die einzelnen Komponenten (z.B. einer Software) oder deren Funktion. Statt dessen ändert man seinen Blickwinkel und stellt sich die Frage: Was möchte der Anwender erreichen und wie hat er dafür vorzugehen? Idealerweise sollte die Dokumentation sogar vor der eigentlichen Implementierung erfolgen, um eine optimale User Experience zu erreichen.

Carolyn wies auf etwas scheinbar Offensichtliches hin, als sie betonte: „Bad Documentation is Bad“. Werden Dokumentationen nicht gepflegt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Lesende unnötig viel Zeit aufwenden, bis die Erkenntnis folgt, dass der Text veraltet oder schlicht falsch ist. So gesehen wäre es diesem Fall effizienter gewesen, es hätte überhaupt keine Dokumentation gegeben. Eine weitere Erkenntnis von Carolyn bezieht sich auf die diskriminierende Sprache, von der (vor allem in der Softwareentwicklung) Gebrauch gemacht wird. So sprechen wir in unserer täglichen Arbeit oft von „Master“ und „Slave“ oder „Blacklist“ und „Whitelist“. Diese Begriffe sind nicht nur diskriminierend, sie sind auch weniger spezifisch als Alternativen wie „Primary“ und „Replica“ oder „Blocked List“ und „Allowed List“.

Es gibt noch eine weitere Gruppe von problematischen Wörtern, die immer wieder in Dokumentationen auftauchen. Zu dieser Gruppe gehören die Worte „just“, „simply“, „trivial“ oder „obviously“. Egal wie offensichtlich etwas für Dokumentierende scheint – Lesende konsultieren eine Dokumentation nicht, weil ihnen alles klar ist. Sie brauchen Hilfestellungen und nicht das Gefühl, für den Einsatz der Software nicht fähig genug zu sein. Statt also die Einfachheit nur zu behaupten, sollte diese – etwa durch das Aufführen eines Beispiels – demonstriert werden.

The Monomyth

Mike Hill ist Konzept Designer und Zeichner und hat unter anderem an dem Computerspiel „Call of Duty“, dem Film „Blade Runner 2049“ und der Netflix Serie „Love, Death & Robots“ mitgearbeitet. In seinem mitreißenden Vortrag „The Power of Metaphor“ brachte er uns anhand von Filmen wie „Star Wars“, „Batman“ und „Jurassic Park“ den Begriff des „Monomyth“ näher.

Eben diese Filme erzählen die Geschichte des oder der Protagonisten anhand einer bestimmten Struktur. Hierbei durchlaufen die Figuren eine Reise von ihrem alten Ich in eine unbekannte Welt, reifen dort, und kommen als neues Ich zurück. Mike gab uns den Rat, die dunkle Seite in uns nicht zu unterdrücken. Sie gehöre zu uns, wir müssten sie akzeptieren. Man könne nicht für das Leben anderer verantwortlich sein, wenn man nicht die volle Bandbreite der Emotionen durchlebt habe. „Jurassic Park“, so machte Mike klar, ist kein Film, dessen Handlung primär von Dinosauriern handelt. Es geht in der Geschichte viel mehr um das Leben an sich und die Veränderung, welche die beiden Protagonisten durchlaufen. Die Fortsetzung von Jurassic Park floppte Mikes Ansicht nach, weil versucht wurde, die Menschen mit mehr Dinosauriern in die Kinos zu locken, statt mit einer guten Geschichte.

Die richtige Lösung für das falsche Problem

Stephen Hay erinnerte uns in seinem Vortrag „I don´t care what Airbnb is doing“ daran, dass wir häufig über Lösungen diskutieren, obwohl wir uns noch gar nicht mit den eigentlichen Problemen auseinandergesetzt haben. Das liegt häufig daran, dass wir sagen: „Wenn Airbnb das so macht, dann muss das ja gut sein“. Oft sind es die großen Firmen, die Paradigmen vorgeben, und wir als Designer oder Entwickler kopieren diese blind und stellen sie nicht in Frage.

Als Beispiel erwähnte Stephen das aus drei übereinander angeordneten horizontalen Balken bestehende „Hamburger Menü“, das zuerst von Facebook eingesetzt wurde und inzwischen scheinbar zu so etwas wie dem heiligen Gral wurde. Spoiler: ist es nicht. Nur weil etwas für Firma X funktioniert, bedeutet dies nicht, dass es auch für Firma Y die richtige Lösung ist. Ein Zitat, das hängen blieb: „Nothing exciting happens in your comfort zone“. Denn Inspiration kommt aus Bereichen, in denen man sich nicht gut auskennt. Für die gesammelten Inspirationen empfahl er, sich ein Notizbuch zu erstellen, um zu gegebener Zeit davon profitieren zu können.

Web Fonts

Anhand von Schärfegraden beschrieb Zach Leatherman in seinem Vortrag mit dem Titel „The Scoville Scale of Web Font Loading Opinions“ mehr oder weniger schmerzhafte Erfahrungen bei der Nutzung von web fonts (definitiv nicht webfonts). Grundsätzlich bestärkte er uns darin, web fonts zu nutzen. Es seien aber einige Dinge dabei zu beachten:

  1. Ausschließlich die Formate woff oder woff2 nutzen
  2. Keine Referenzen auf lokale Dateien
  3. Benutzt font-display: swap;
  4. Vorsicht vor web fonts, die auf fremden Servern liegen (oft verlangsamt Tracking das Laden)
  5. Benutzt auf gar keinen Fall web fonts um Icons darzustellen. Niemals. Nie.
  6. Wenn es richtig schnell sein soll: selber hosten

Erobern wir uns das Web zurück

Abgerundet wurden die zwei Tage jenseits des Tellerrandes von Tantek Çelik und seinem Appell, sich das Internet zurückzuerobern. Er kritisierte dabei die großen Technologie-Konzerne (allen voran Facebook) und die Abhängigkeit, in die wir uns denen gegenüber begeben haben. Um uns wieder unabhängig zu machen, sollten wir unsere Inhalte lieber auf unser eigenen Seite unter unserer eigenen Domain veröffentlichen. Dabei müssten wir – dank der Standards „Webmentions“ und Microformats2 – nicht auf Features wie Likes, Share oder eine Kommentarfunktion verzichten. Er entließ uns nicht, ohne die Werbetrommel für die Indie Web Community zu rühren.

Auch dieses Jahr entsprach die Beyond Tellerrand wieder ganz ihrem Namen und öffnete uns die Augen für spannende neue Themen. Begeistert waren wir von den Vorträgen von Mike Hill und Stephen Hay. Wir empfehlen die Konferenz absolut weiter und kommen auch im nächsten Jahr gerne wieder.

Unser Dank gilt allen Speakern, freiwilligen Helfern und natürlich Marc Thiele. Zusammen habt ihr einmal mehr eine sehr gelungene Konferenz auf die Beine gestellt.

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