OMR22: Zu viel zu wenig

Uff. Durchatmen. Mit dem Scooter durch Hamburg rollen, die Alster sehen. Menschen, die das Leben genießen. Weg vom Laut, weg vom Schrill und, vor allem, weg von der Meute. 70.000 Menschen drängelten sich auf der OMR22 durch die Hamburger Messehallen – und es war einfach zu viel.

2019 war es voll, aber nicht picke-packe-bitte-jagt-die-Fliegen-raus-voll. Die meiste Zeit während der OMR22 habe ich mit Schlange stehen, mit Schlangen umkurven und in durch Schlangen verursachten Staus verbracht. Das ist nicht cool. Klar, Philipp Westermeyer hat vorab gewarnt und alle konnten bis kurz vor Schluss ihr Ticket zurückgeben – aber wie hemmend die Menschenmassen sein würden, konnte ich mir nicht vorstellen.

Wenn viel einfach zu viel ist

Die 50/50-Stage habe ich nicht einmal gesehen. Immer, wenn ich da hin wollte, wollten das auch Scharen von anderen Menschen. „Das ist ja schlimmer als vorm Berghain“, hörte ich eine Frau ins Telefon schreien. Positiv betrachtet: Es besteht so großes Interesse am Thema, dass es gut eine eigene Konferenz rechtfertigt.

Aber insgesamt war meine Experience auf der OMR22 getrübt. Zwischen 11 und 14 Uhr etwas zwischen die Kiemen zu bekommen, war keine Herausforderung, es war ein Problem. Gefühlt weniger Foodtrucks für 10.000 mehr Leute – what could possibly go wrong?

Dann sind da die Wege. Von A nach B kann ohne Menschen im Weg schon dauern, mit Menschen zwischen Dir und dem Ziel wird es zur Tortur. Ich habe viel Talks sausen lassen, die ich gerne gesehen hätte, einfach weil die Zeit für den Transfer nicht ausgereicht hätte.

Der Kern von OMR

Was macht eine OMR gut? Die Balance zwischen Sellout und Know-how, zwischen Party und Arbeit, zwischen Business und Spaß.

Wann macht eine Reise zur OMR für mich Sinn? Wenn ich die Ausgabe und die Zeit für das Unternehmen rechtfertigen kann und wenn ich persönlich genug mitnehme – sowohl fachlich als auch im Spaß-Sektor.

Diese Balance war dieses Jahr nicht gegeben. Wo 2019 die dösigen Sponsoren-Talks hier und da mal eingestreut waren, nahmen sie 2022 gefühlt mehr Raum ein. Wo in der Vergangenheit Masterclasses und Nebentalks tieferes Wissen vermittelt haben oder Inspiration geboten haben, waren auch die viel kommerzialisierter. To be fair: ich kann auch einfach Pech gehabt haben, und wäre mit ein paar anderen Talks viel glücklicher geworden – das kann gut sein.

Lohnt sich die OMR?

Auf der anderen Seite: ich hatte viel Spaß. Bekannte treffen, Unbekannte zu Bekannten machen, mit Kunden und Partnern sprechen und mit X-Tausenden anderen bei Miami Lenz und Oli P. feiern – großes Kino. Der Festival-Part und das Networking hat funktioniert; aber reicht das für den Aufwand, für die Kosten, insbesondere für das Festival-Ticket?

Dieses Jahr nicht, leider.

Die Conference am zweiten Tag auf der Riesenbühne ist und war Spektakel – aber eigentlich mit Inhalt. Speaker und Interview-Gäste geben frische Impulse und Insights, die Gäste an der Bar stellen Fragen, die aus ihrer Praxis-Perspektive kommen; das macht die Conference wertig.

2022 war der Bombast-Part da. Bühne, Setup, Lautstärke, Stars – check. Aber der Inhalt? Meh. Insbesondere am Nachmittag war Niveau eine Handcreme. Kara Swisher und Ashton Kutcher liefern ab, ein tolles Interview. Tarek Müller von AboutYou stellt kluge Fragen von der Bar. Und dann stolpern viele Leute über die Bühne und reden über Belanglosigkeiten, das konnte auch Quentin Tarantino nicht retten – was immerhin sehr spannend war.

Was ich auf der OMR22 gelernt habe

  • Ein Faß ist essentiell für Networketing (Wortneuschöpfung). Wer an einem Faß steht, zieht automatisch Kontakte an. Besser als ein Messestand.
  • die OMR ist immer noch voller netter Menschen.
  • Bernhard Fischer-Appelt ist fasziniert von Zukünften (ja, im Plural) und hat ein Buch über und mit dem Titel „Zukunftslärm“ geschrieben.
  • Xatar mag gut in vielen Dingen sein, er ist kein guter Speaker. Dafür gibts im Oktober einen Film in den Kinos über ihn von Fatih Akin.
  • Halb Teenie-Hamburg hat 50€ für ein Festival bezahlt, möchte Influencer sehen und interessiert sich nicht die Bohne für Marketing und hätte lieber Bilder von Shirin David als von Quentin Tarantino.
  • Miami Lenz ist ?
  • C&A macht spannende Sachen mit Live-Marketing-Mix-Modeling
  • Mirco Caspar von Mister Spex ist ein absoluter Brand-Experte
  • KoRo gibt 90% des Marketing-Budgets für Influencer aus
  • Donata Hopfen von der DFL und Philipp Westermeyer wollten mal ein Startup gründen.
  • Es gibt Petfluencer-Agenturen
  • monday.com hat ihren Stand wie eine U-Bahn designed und es wirkt sehr krass.
  • Unser Kunde Ottobock hat es geschafft, einen Vortrag zu halten und ich habs nicht mitgekriegt ?
  • Das sich plötzlich viele (berechtigterweise) über NFTs und deren Umweltschädlichkeit aufregen. Dass das sonst aber die gleichen Leuten überhaupt nicht interessiert hat. (Ausnahmen bestätigen die Regel)

Was ich mir für die nächste OMR wünsche

  • renoviert den Timetable. Die UX ist grauenvoll, insbesondere in der App. Ich weiß, das ist eine Riesenaufgabe, aber sie muss gemacht werden.
  • bitte, bitte, macht aus der App einen besseren Companion. Mehr Übersicht, Reminder, Navigation – da geht so viel.
  • Ich weiß, ich weiß, ihr musstet Geld verdienen, insbesondere dieses Jahr. Aber schraubt die Sellout-Schraube wieder ein wenig zurück.
  • Sorgt für mehr Essen. Es kann nicht sein, dass Menschen 500 Euro ausgeben um stundenlang auf Nahrung zu warten.
  • Ich, wir alle, brauchen Value. Austeller brauchen Leads, Besucher brauchen Know-how. Got any more of that content?

OMR23: Werde ich da sein?

Ja, auf jeden Fall.

Die OMR liefert seit vielen Jahren Qualität in allen Bereichen. Und zwar ganz, ganz viel Qualität. Die OMR-Experience ist auf hohem Niveau, genau wie mein Gemeckere. Die OMR muss nur an einigen Stellschrauben drehen, um die alte Balance wiederzufinden. Ich bin der festen Überzeugung, dass das im nächsten Jahr gelingen wird. Vielleicht kleiner (5050, Finance Forward und Future Mobility könnten wirklich alleine funktionieren), vielleicht noch größer, aber auf jeden Fall besser. Bis dahin!

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2 Antworten auf „OMR22: Zu viel zu wenig“

  1. Ich bin wirklich gespannt, was die re:publica Besucher:innen dieses Jahr mitbringen. Hoffentlich – vermutlich bessere Eindrücke.

    Wobei das mit dem Essen ist dort auch immer mal wieder ein Problem. Aber wenigstens verändert sich das Gedränge (meistens) in der Station und das einzige Mal in 8 oder 9 Jahren rp ist es mir nur zweimal passiert dass ich wo nicht reinkam. Einmal bei Gunter Dueck in der Kalkscheune, weil ich es selber gebastelt hatte und einmal beim völlig unnötigen Auftritt von Steinmeier, als das BKA plötzlich alles dicht gemacht hat.

    Lifehack:
    Ne Dose mit beim Hotelfrühstück mit etwas voll machen, was auch kalt schmeckt und sättigt. Ich nehme immer ne 350ml Büchse voll mit Rührei und Speck mit und immer nen Liter Leitungswasser.

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