Meine #rp22: Medien-Menschen und -Formate gegen die Nachrichtenmüdigkeit

2 Tage und gefühlt 2.000 Eindrücke. Die #rp22 war meine erste re:publica und sehr gerne nicht die letzte. Dafür habe ich sogar Twitter wieder angeworfen. Dort ist die “digitale Gesellschaft” nun mal zu Hause. Wie auch Festival-Mitbegründer Johnny Haeusler sagte, als er von der Idee erzählte, die re:publica gemeinnützig werden zu lassen: “Bringt euch ein, schreibt mir – auf Twitter (…) nur bitte nicht auf Linkedin.” 

Meinen Twitter-Account hatte ich irgendwann im ersten Jahr der Pandemie gelöscht. Es war zu viel nah dran sein, zu viel – ich fühl mich, als stünde ich mitten in der Stadt und jede random Person schreit mir ihre Lebensgeschichte ins Gesicht. Der Algorithmus hat mir viele Corona-Erlebnisse, auch viel Meinung und Bericht-Schnipsel in die Timeline geholt, die ungefiltert vor allem Sorgen und Ängste bedient haben, die sowieso zu genüge da waren. 

Was vielleicht auch daran lag, dass ich vor allem Journalist*innen gefolgt bin? Twitter als Informationsquelle weil – sorry liebe Tageszeitung – einfach schneller und vielfältiger, wurde für mich in dem Moment zur Doom-Scrolling-Maschine. Also habe ich den Medienkonsum reduziert und gezielter Informationsquellen rausgesucht. Für mich waren das die Tagesschau-App und der lokale Radiosender.

TIL: “Ambiguitätstoleranz”  

Passenderweise war einer der ersten re:publica-Talks, die ich mir angeschaut habe, dann auch “Social Media & Resilienz in Krisenzeiten” von Eva Horn, Redakteurin im Digital-Team der ARD-Kommunikation. Ein guter Punkt, den man sich immer nochmal bewusst machen kann, war da bspw.: “Social Media zeigt immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Wir alle entscheiden, welcher Ausschnitt wie viel Gewicht bekommt.” Aus dem Publikum kamen in der Diskussion nach dem Talk ergänzend noch folgende Tipps (vor allem für Social Media-Redakteur*innen):

  • Schlimme Dinge ohne Ton hören
  • Eigene Triggerpunkte ggf. jemand anderem im Team übergeben, für die/den es kein Problem ist
  • Entspannungstechniken anwenden.

Im re:publica YouTube Channel steht der Talk nicht zur Verfügung, aber radioeins hat darüber berichtet, für alle, die mal reinhören möchten: Bis zum 09.07. ist der Beitrag noch online. Und – Eva Horn hat auf Twitter einen wirklich guten Thread zum abschalten zur Verfügung gestellt und im Profil angepinnt, der nochmal Praxistipps liefert:

Ein Stichwort des Talks, das mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war der Begriff Ambiguitätstoleranz

“Das meint die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, Widersprüche, andere Sichtweisen auszuhalten und selbst in kulturell oder sozial unbekannten Situationen wohlwollend und un-aggressiv zu reagieren.” (Quelle: Deutschlandfunk Kultur) Und ja, das ist anstrengend, aber: 

“für unsere Demokratie essenziell: Man muss unterschiedliche Interessen aushalten und mühsam errungene Kompromisse. Es ist wichtig, dass die Mehrheit diese Fähigkeit besitzt und trainiert, um der Unsicherheit des Lebens, der Unberechenbarkeit der Zukunft mit innerer Toleranz zu begegnen.” (Quelle: Deutschlandfunk Kultur)

“Öffentlich, Rechtlich, Digital”

Um unsere Demokratie und wie wichtig starke öffentlich-rechtliche Medien dafür sind, ging es auch im nächsten Talk, den ich mir ausgesucht hatte. Die zentrale Frage da: Wie den Informations-und Bildungsauftrag ins Digitale (und die Zukunft) übersetzen? Die Speaker*innen: Lisa Zauner, Leiterin des WDR Innovation Hub, und Jörg Schönenborn, (u.a.) Fernsehdirektor des WDR. 

Mein Take-away aus der Diskussion: 

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk war sehr stark nachgefragt in der Pandemie (die ja noch nicht vorbei ist), Stichwort Orientierung. Nachrichtenmüdigkeit ist trotzdem ein Thema, besonders bei jüngeren Menschen. Der WDR lässt sich Einiges einfallen, um hier zukunftsfähig und relevant zu bleiben. Ein Ziel: Digital First ausweiten.

Auf die Frage “Was haben Sie gelernt in den letzten 24 Monaten über den Journalismus?”, antwortet Jörg Schönenborn:  

“Ich habe gelernt, wie wichtig wir plötzlich auch für Menschen sind, die Orientierung suchen, die sie sonst in normalen Zeiten gar nicht brauchen. Weil sie plötzlich bei Krise merken, da passiert was, das über ihr privates Leben hinausgeht (…) die suchen dann was Verlässliches.” 

Etwas widersprüchlich dazu hat “die Use the News Studie der dpa (Twitter Account @UseTheNews2024) herausgefunden, dass nur ca. 50 % der jungen Menschen (18- bis 24-Jährige) in Deutschland es für wichtig hält, sich zu informieren, weil ihnen einfach der Bezugspunkt zu ihrem Alltag fehlt”, sagt Moderatorin Ellen Heinrichs.

Da setzt der WDR Innovation Hub an, der die Aufgabe hat bis ins Jahr 2035 und auf die Zielgruppe Generation Alpha zu schauen. Eine der Fragen, die das Team sich stellt, ist hier z.B.: Sind Gaming und Videospiele vielleicht auch eine Plattform für die öffentlich-rechtlichen? Keine Aussage, aber eine Diskussion, die angestoßen werden kann. 

Bei der Format- und Produktentwicklung auch wichtig: Das WDR User Lab. Die Perspektive der Nutzenden einzunehmen bedeutet, so Moderatorin Ellen Heinrichs, auch “ein Stück weit die Abkehr von diesem Bild des Journalisten, der Journalistin, die schon gut weiß, was relevant und wichtig für das eigene Publikum ist.” Dass es Medien-Machende gibt, die diesen Switch im Denken (noch) nicht gemacht haben, klingt für mich erstmal schräg und wenig zeitgemäß. Andererseits tut es gut zu sehen, es bewegt sich was, und das auch in Richtung Personalisierung von Inhalten

Schönenborn erklärt, dass über die Mediathek Nutzerdaten rein kommen, auf deren Basis versucht wird das Angebot so zu systematisieren, dass die Empfehlungslogik (anders als bei YouTube immer mehr vom gleichen) Vorschläge macht mit der Idee, “guck mal hier, das ist auch wichtig, damit hast du dich bisher noch nicht beschäftigt”. Und das passend zu den identifizierten Nutzungsgewohnheiten (wie die favorisierte Dauer von Videos usw.). “Am Ende muss stehen, dass wir einen Algorithmus haben, der den Kopf erweitert. Und der mich mit Dingen konfrontiert, zu denen ich Zugang habe, aber die ich noch nicht gehört habe.”

Der gesamte Talk steht auf YouTube zur Verfügung:

Dem Irrsinn auf der Spur – Wie dpa mit Faktenchecks gegen Desinformation vorgeht“

Super spannend und informativ war auch mein nächster Talk von dpa Verifikations-Experte Stefan Voß, der einfache Techniken vorgestellt hat um Fakes zu entlarven, die man auch gut anwenden kann ohne Profi auf dem Gebiet zu sein. Zum Einstieg wurde erst einmal klar gestellt: “Ein Faktencheck prüft niemals Meinungsäußerungen, nur Tatsachenbehauptungen.” Davon hat die dpa bisher 4.500 publiziert. Zwei erwähnte Tools, die dabei helfen können, sind bspw.

“Medienmachende als Marke”

Last but not least – und mein persönlicher Fangirl-Moment der re:publica 22 – die Gesprächsrunde (u.a.) mit Deutschland3000 Reporterin & Moderatorin Eva Schulz. Leider mussten wir fix zum Zug sprinten, eine Aufzeichnung der ganzen Session gibt es hier. Fangirl deshalb, weil mehr User*innen-in-den-Fokus-stellen und relevante Inhalte auf unterhaltsame Art anbieten geht nicht <3

Mein #rp22 Fazit:

Am Ende der #rp22 war ich – ja müde – aber definitiv nicht nachrichtenmüde. Und sehr geflasht von den vielen Menschen (die sich aber erstaunlich entspannt und gut verteilt haben auf dem Gelände) und den wirklich guten Talks & Diskussionen, wo Menschen wirklich etwas zu sagen hatten und ich nie das Gefühl von Laber-Rhabarber hatte.

Dem Wunschzettel von Oskar Vitlif für die #rp23 habe ich nicht viel hinzuzufügen (außer gerne mehr frische Snacks unter 8 Euro), fand diese Idee von Eva Horn aber ganz charmant:

Ansonsten: Ganz viel Liebe für diese Veranstaltung, auch wenn es gefühlt eine doch recht einheitliche Bubble an Menschen war, die da zusammen kommen. Schön wäre z.B. einige Tickets zu sponsern und gezielt interessierten Menschen zur Verfügung zu stellen, die aus eigenem Budget keinen Zugang zur Veranstaltung hätten. Oder auch Speaker*innen auf die Bühnen zu holen, die aus ganz anderen inhaltlichen Bereichen und Berufen kommen.

Anyway – gerne immer wieder. Ich bin jetzt Fan. Und natürlich auch immer wieder gerne als Reisegruppe im Team mit meinen beiden Kolleginnen Sarah und Sylvia, die ebenfalls zu ihren Erlebnissen gebloggt haben:

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