Vom Waschmaschinenzeitalter und Narrativen – Rückblick auf die re:publica22

Vom 8.-10. Juni 2022 fand die re:publica in Berlin statt, gewissermaßen DAS Festival für die digitale Gesellschaft und Must-Go für comspace in den letzten Jahren. Gemeinsam mit meinen Kolleginnen Ann-Kathrin Rinkleff und Sylvia Kuhn-Georg sammelte ich an zwei von drei Veranstaltungstagen Impulse und fand den Wert von Utopien, die kritische Betrachtung von Tech-Narrativen und einen Weg zur gemeinschaftlichen Zukunftsentwicklung.

Fangirl-Moment und klassische Highlights

Klar gab es wieder Highlights einfach wegen toller Speaker*innen ( >50% Frauenquote by the way), eindringlicher Themen und vorauseilendem Bekanntheitsgrad.

Ein Rückblick zur re:publica 22 darf also nicht ohne diese Top 3 Vorträge auskommen:

Maja Göpel: Her mit der besseren Zukunft

Luisa Neubauer: Let’s not fuck this up 

Sascha Lobo: Rede zur Lage der Nation

Darüber hinaus zog sich für mich durch die Veranstaltung ein Thema als Klammer höchst unterschiedlicher Sessions: Narrative.

Narrative sind extrem mächtig, weil sie uns erlauben über Dinge zu sprechen die es (noch) nicht gibt, als wären sie real.

Jürgen Geuter alias tante

Wegweisende Vordenker oder kalifornische Ideologie?

In seinem Vortrag zu Pioniergemeinschaften erläuterte Andreas Hepp, Professor für Medien und Kommunikation am Zentrum für Medien-, Kommunikations- & Informationsforschung in Bremen, den Weg technischer Narrative hin zu realen Innovationen. Dass diese Narrative oft kuratierte Heilsversprechen (und keine absoluten Wahrheiten) sind, wird dabei gerne mal übersehen und könne zu unreflektierter Akzeptanz der prophezeiten Entwicklungen führen.

Der ganze Vortag von Prof. Hepp zum Ansehen:

Follow the dark rabbit!

Um Narrative in Science Fiction Literatur ging es auch im Austausch zwischen Mario Sixtus, Zoe Beck, Katja Böhne und Sina Kamala Kaufmann. Nur weil es in einem Roman stehe, müsse die beschriebene Zukunft nicht automatisch eintreffen, so der Tenor. Literatur habe die Kraft, wünschenswerte sowie negative Zukunftsszenarien zu entwickeln, um den Leser*innen Denkinspiration an die Hand zu geben. Hierfür brauche es auch Utopien, also positive Narrative.

Die Diskussion zum Nachschauen: https://www.youtube.com/watch?v=pJ52RGvDfjQ&t=195s

Von hässlichen Affen, Spekulationen und Ketten: Das Dritte Web

Mit seinem Vortrag hat Jürgen Geuter alias tante die Narrative von web3-Technologien entzaubert. Aus seiner Sicht seien Narrative nicht nutzlos, aber man müsse gut unterscheiden: “Wann rede ich über das was ist und wann über Science Fiction?” Gerade im Bezug auf Blockchain & Bitcoin seien die Narrative oft gefährlicher “Innovation Speak”, der zwar baldige Verbesserungen verspreche, diese bisher aber nicht eingelöst habe. 

Der gesamte Talk zu Ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=8ciirqCCqd0

Im Nachgang zur re:publica gab es auch zwei lesenswerte Interviews mit Jürgen Geuter in der t3n (“Dezentralität im web3 ist eine Lüge”) und DIE Zeit („Man spielt die letzten 200 Jahre Finanzbetrug noch einmal durch“).

Um nochmal auf den großartigen Talk von Maja Göpel zurückzukommen:

Aktuell befinden wir uns ihren Worten nach in einem Zeitalter der symbolischen Waschmaschine – alles wird durcheinander gerüttelt. Wenn wir diese Transformation für Menschen und ihre Mitwelt positiv gestalten möchten, brauchen wir Pionieraktivitäten, Koalitionen, politischen Wandel und – natürlich – “die Geschichten. Das was wir für richtig halten. Was wir für nicht mehr richtig halten.” Im Nachgang gefragt, wie Innovation als Lösung für die Probleme funktionieren könne, antwortet sie:

Die Innovation die uns nicht erlaubt das Soziale und Ökologische besser zu integrieren ist keine Innovation. Wir sollten dem absprechen dass sich das Innovation nennen darf.

Maja Göpel

Wie können Narrative von wünschenswerten Zukünften entwickelt werden?

Wie solche wünschenswerten Zukünfte entwickelt werden können, durfte ich selbst im Workshop “Science Fiction goes Bürgerbeteiligung” ausprobieren. Am Beispiel eines Stadtentwicklungsprojektes der Gemeinde Ebersberg haben Rike Pätzold, Kai Platz, Thomas Schwärzler und Kerstin Gollner von Gemeinsam.Zukunft.Machen die Methode Science Fiction Prototyping vorgestellt und in Kleingruppen ausprobieren lassen. Für mich war das eine tolle Erfahrung wie in knapper Zeit vielfältige Szenarien entstanden sind, anhand derer konkrete Perspektiven für ein wünschenswertes Miteinander diskutiert werden können.

Übrigens: Nicht von der re:publica aber aus dem großartigen Gütersloh kommt der Podcast “Zukunft der Nachhaltigkeit” der Bertelsmann Stiftung. In der ersten Podcast-Folge haben sich Ole Wintermann und Prof. Michael Roos von der Uni Bochum darüber unterhalten, warum positive Nachhaltigkeitsnarrative wichtig sind und wie man sie anhand von Personas greifbar machen kann. 

Für mich hat die rp22 das Thema Narrative & Storytelling wieder an die gedankliche Oberfläche (und das Buch “Was das Valley denken nennt” auf meinen Lesestapel) gebracht. Welche Narrative wollen wir als Unternehmen erzählen? Über die Zukunft der Arbeit, gewünschte und unerwünschte Entwicklungen oder allgemein über gutes Arbeiten? Wie können wir gemeinsam diese Zukunftserzählungen erschaffen, bewerten und wahr werden lassen? 

Wenn ihr weitere Beispiele für positive, hilfreiche Narrative habt und wie diese entwickelt werden können, schreibt gerne eure Ideen in die Kommentare. 

Weitere Rückblicke zur re:publica 2022 findet ihr hier:

https://www.linkedin.com/pulse/republica-rp22-denkanst%C3%B6%C3%9Fe-f%C3%BCr-die-zukunft-bettina-schmidt/

https://www.indiskretionehrensache.de/2022/06/republica-2022-any-way-the-sun-shines

https://colearn.de/die-nationale-bildungsplattform-notizen-aus-einer-republica-2022-session

https://www.vronzenheimer.de/republica-2022-anyway/

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