Wenn die Arbeitswelt nicht mehr zu den Menschen passt. Mein Rückblick auf das Digital Misfits Festival.

Do you ever feel like a misfit?
Everything inside you is dark and twisted
Oh, but it’s okay to be different
‚Cause baby, so am I.

Ava Max, “So am I”

Liebes Digital Misfits Festival,

am Dienstag durfte ich einen Tag lang bei dir verbringen, mit ca. 250 anderen Digital Misfits, wenn man so will. Wir hatten eine gute Zeit, du und ich, in lockerer Atmosphäre und du hast an so ziemlich alles gedacht, um den Tag interessant & kurzweilig zu gestalten (coole Location, Candybar, leckerer Kaffee und unterhaltsames Bullshit Bingo zum Netzwerken). Inhaltlich gab es für mich einige Highlights:

  • Ali Mahlodji, Gründer von Watchado, EU-Jugendbotschafter, Mitwirkender beim Zukunftsinstitut und der Akademie für Potenzialentfaltung, der über Glaubenssätze und die Wichtigkeit des reflektierten Gebrauchs derselben gesprochen hat. Persönlich, engagiert und eindringlich wie immer. Seine Präsentation hat Ali im Anschluss online zur Verfügung gestellt- so geht digitale Zusammenarbeit.
  • Die Open Space Session “Entdecke dein USP” mit Karolin König, die mich folgendes gelehrt hat:
    • Es ist echt schwer, die eigenen Stärken, Fähigkeiten und Interessen zu benennen. Zu sehr sind wir so sozialisiert, dass wir schnell 5 bis 10 Themen aufzählen können, die wir noch nicht gut können, wo wir (um in deiner Sprache zu bleiben) also ein Misfit sind.
    • Es ist so wichtig, die eigenen Stärken, Fähigkeiten und Interessen zu kennen, um sie benennen und sie wertschöpfend für die neue Arbeitswelt nutzen zu können. (That’s why I love stärkenorientiertes Feedback durch diejenigen die es beurteilen können).
  • Moonshot – The Innovation Game: Ein cooles Spiel, mit dem Innovationskompetenz trainiert werden kann, entwickelt von Till Hasbach und Martin Wiens von The Dive & der Playful Business Gbr. Und hier schließt sich wie von Zauberhand der Kreis zum ersten Punkt, denn auch Ali Mahlodji hat schon im New Work Report des Zukunftsinstituts beschrieben, warum ernsthafte Arbeit freudvolles Spiel braucht.

Who’s the Misfit?

Was mich aber eigentlich beschäftigt, liebes Digital Misfits Festival, hat nichts mit der inhaltlichen Gestaltung deines Tages zu tun, auch nicht mit dem Rahmenprogramm oder den  sympathischen, aufgeschlossenen Menschen. Es geht mir viel mehr um deinen Namen und die Konnotation, die aufgrund dessen während der Veranstaltung immer mal wieder mitschwang. Es tut mir leid, wenn ich da jetzt so pedantisch drauf rumkauen muss. Als Linguistin kann ich manchmal nicht anders und vielleicht ist genau das ja auch gar nicht so verkehrt. 😉

Passen die Menschen nicht in die Schablone oder passt die Schablone nicht mehr zu den Menschen?

In den aktuellen Pop-Charts fragt die Sängerin Ava Max treffend ”Do you ever feel like a misfit?… Oh, but it’s okay to be different. ‚Cause baby, so am I”.

Was mir dabei durch den Kopf geht: Wenn viele Menschen sich in ähnlicher Art und Weise “different” fühlen, ist keine*r mehr wirklich different. Mir ist jedenfalls niemand bei dir aufgefallen, der oder die für mich irgendwie wie ein Misfits, ein Sonderling oder Außenseiter schien. Stattdessen hat alle Teilnehmenden geeint, dass sie sich mit der aktuellen Arbeitswelt auseinandersetzen, eigene Interessen haben und sich darüber einig sind, dass sie sinnstiftend und zeitgemäß arbeiten möchten (der Begriff “New Work” ist verhältnismäßig oft gefallen). Das macht niemanden zum Misfit, wenn du mich fragst. Stattdessen GIBT es einen Misfit (ein Nicht-Zusammenpassen) der aus diesen Erwartungen der (jüngeren) Menschen entsteht, die so einfach nicht mehr zu dem meist noch vorherrschenden Arbeitssystem passen wollen. Oder andersrum gesagt passt das System nicht mehr so richtig zu den Anforderungen.

#MakePurposeSexyAgain

Ich weiß, dein Festivalname wäre dann nicht mehr so interessant, wenn der Misfit zwischen Old Work und New Work nicht den Leuten zugeschrieben, sondern gewissermaßen externalisiert würde.

Ich finde es aber auch wichtig, nicht diejenigen als Misfit zu verstehen, für die alte, tayloristische Strukturen, autoritäre Führung und unflexibles Arbeiten nicht (mehr) passen. Das belässt alleine vom Wortgebrauch her viel zu viel Verantwortung bei einzelnen Personen. Da sind wir auch wieder bei den Glaubenssätzen vom Anfang des Festivaltages. Nicht die Menschen sind falsch, sondern die Arbeitswelt passt zunehmend nicht mehr. Und auch wenn New Work immer auch bei einem selbst anfängt, liegt die Verantwortung zur Gestaltung zukunftsfähiger Arbeitswelten vor allem bei den Unternehmen (vor allem deren Chefs) und der Politik (z.B. in Sachen Arbeitszeiterfassung). Es ist gut, dass du mit dem Festival diesen Perspektiven eine Plattform bietest und ich wünsche dir und uns, dass die Themen sich bald mehr wie Normalität, denn als eine unüberbrückbare Unpassung anfühlen. Bis dieser Misfit zwischen nicht mehr zeitgemäßen Arbeitsstrukturen und neuen Anforderungen an die Arbeitswelt überwunden ist, ist noch einiges zu tun. Ich wünsche dir, uns und allen Teilnehmenden alles Gute für diesen Weg!

Deine Sarah

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