Big Brother Awards 2023: So war die diesjährige Preisverleihung für Datenkraken

Würden wir zu Big Brother eingeladen werden, wären wir vermutlich entsetzt. Denn, im Gegensatz zu D-Promis, deren MHD bereits vor Jahren abgelaufen ist, möchten wir unser Privatleben nicht unbedingt öffentlich teilen. (Darauf kommen wir später zurück.)

Wir wurden allerdings zu den Big Brother Awards eingeladen. Und da es sich hierbei um die Verleihung eines Negativ-Preises handelt, kann man sagen: Zum Glück nur als Zuschauer und nicht, um eine Trophäe zu erhalten.

Für die, die die Big Brother Awards nicht kennen: Das ist der Oscar für Datenkraken

Seit 2000 organisiert der Verein “Digitalcourage” diesen Negativpreis, mit dem auf Missstände im Bereich Datenschutz und Datensicherheit aufmerksam gemacht wird. Und auf Themenbereiche, die oft noch tiefer unter dem Radar der Öffentlichkeit fliegen: Digitalzwang, digitale Teilhabe, Überwachung und Intransparenz. 

Um wirklich Aufmerksamkeit zu erzeugen, muss es weh tun. Dafür legen die Big Brother Awards den Finger nicht nur in die Wunde, sondern prokeln auch ein bisschen darin herum. Und zwar mit pointierten und spitzen Reden. Solange es uns nicht trifft: Genau unser Humor. (Darauf kommen wir später leider auch noch zurück.)

Die Jury bestand, wie auch in den letzten Jahren, aus Prof. Dr. Wedde, Frank Rosengart, Padeluun, Dr. Thilo Weichert und Rena Tangens. Wem diese Menschen nichts sagen und wer auch nicht scharf darauf ist, sich die Biographien anzusehen: Ein bunter Strauß aus Chaos Computer Club, Datenschutz- und Rechtsexpertise und Gründungsmitgliedern von Digitalcourage. Und diese Menschen sind nicht nur fachlich tief drin, sondern können das auch vermitteln. 

Wir waren am Abend des 28.04.2023 früh dran und trotzdem war der Saal in der Bielefelder “Hechelei” schon gut gefüllt. Das Publikum erfrischend heterogen: Zwischen ”pensionierter EDV-Lehrer”, Anzugträger*innen und “CCC by nature” war alles dabei. 

Mit einer Jazzband, die den Einzug der Laudator*innen begleitete, hatte es auch einen leichten Anstrich von Kölner Karneval. Nur ohne doofe Hüte und ohne Bier (Letzteres hätten wir durchaus gerne genommen, müssen wir zugeben).

Die ersten beiden Negativ-Oscars gingen an: Das Bundesfinanzministerium und das Fintech-Unternehmen finleap

Den Auftakt machte Prof. Dr. Wedde, der nicht nur erstaunlich fehlerfrei das Wort “Plattformen-Steuertransparenzgesetz” sagen kann, sondern dieses auch sehr kurzweilig erklären konnte. Und wieso es unbedingt den Big Brother Award in der Kategorie “Behörden und Verwaltung” verdient. 

Stellvertretend hätte Christian Lindner als Vertreter des Bundesfinanzministeriums den Preis entgegennehmen sollen. Der kam allerdings nicht. Kleiner Spoiler: Er blieb nicht als Einzige*r der Veranstaltung fern.

Frank Rosengart hielt die Laudatio für die Kategorie “Finanzen”. Hier wurde Digitalcourage der Vorgang vom Preisträger quasi direkt nach Hause geliefert: In Form von Kontowechselbriefen an falsche Empfänger*innen durch die Firma finleap an das Büro von Digitalcourage (Fishing for awards?). Diese hat, nach eigener Aussage, das Problem behoben und immerhin eine Reaktion gezeigt und erklärt, den Award annehmen zu wollen. 

Und es hat Zoom gemacht – oder auch nicht

Jetzt kommen wir zu den Punkten, bei denen wir schon anklingen ließen, dass wir darauf zurückkommen: Unsere privaten Informationen öffentlich machen und der Humor, der uns Spaß macht, solange es nicht uns trifft. Der Preisträger in der Kategorie “Kommunikation” wurde durch padeluun anmoderiert und wir sanken ein bisschen tiefer in unsere Stühle: “Gewonnen” hatte hier Zoom Video Communication. Autsch. Ja, wir wissen, dass Zoom alles andere als ideal ist. Und ja, wir wissen auch, dass es Alternativen gibt. Und damit meinen wir nicht Webex, Teams und Co. Sondern ECHTE Alternativen

Wir müssen zugeben: Damals haben uns die Alternativen nicht wirklich überzeugt und wir haben uns gerne am Mainstream orientiert. Mit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk, dem milliardenschweren Einstieg von Microsoft bei OpenAI und der rasanten Entwicklung des Fediverse sieht man inzwischen einige Dinge anders.  

Und nur zu gerne haben wir die kleinen Bröckchen an Datenschutzversprechen gefressen, die uns Zoom hingeworfen hat. Zusammen mit einem Schluck “die anderen sind auch nicht besser” ging das gut runter. (Und: “Die anderen” sind ja wirklich nicht besser. Abgesehen von den wirklichen Alternativen.) Zoom ist aber halt komfortabel und nett. Und anders als padeluun referierte, hat es bei uns auch echt kaum technische Aussetzer gegeben. Aber: Die Zeiten ändern sich und auch die Systeme. Die umständlichen und unkomfortablen datenschutzfreundlichen Lösungen haben sich ja auch entwickelt. Und im Gegensatz zu Zoom: Positiv. Ausgerechnet diese Laudatio ging dann auch richtig lang und wurde auch von Stickern begleitet. Wir geben zu: Wir waren hier etwas peinlich berührt.

Kategorie “Lebenswerk”: Zum zweiten Mal für Microsoft

Dann wurde aber, endlich, Dr. Thilo Weichert angekündigt mit der Kategorie “Lebenswerk”. Der Gewinner war hier, zum zweiten Mal, die Firma Microsoft. Die Begründung: Microsoft macht, was viele Unternehmen machen: Daten sammeln und kommerziell nutzbar machen. Dank der enormen Marktmacht von Microsoft erhält dies laut der Jury allerdings eine besondere Qualität. Im negativen Sinne. Denn hier werden nicht nur Privatpersonen, sondern auch Unternehmen, Schulen und Behörden förmlich gezwungen, sich in Echtzeit überwachbar zu machen. 

Neue DHL Packstationen “gewinnen” (nicht) beim Verbraucherschutz

Nicht nur im Bereich Datenschutz schwierig, sondern auch im Bereich der digitalen Ethik und Digitalzwang und Greenwashing: Die Preisträgerin in der Kategorie “Verbraucherschutz”. Rena Tangens erläuterte eindrucksvoll, wieso die Deutsche Post DHL Group diesen Preis verdient. Die neuen “lean” Packstationen sind nicht nur nicht halb so “eco friendly”, wie man uns verkaufen möchte. Ohne Smartphone, mit einer App, die auch ohne Zustimmung bereits tracked, und ohne Datenvolumen kann man diese nämlich nicht nutzen. Für die Jury ein klarer Fall von “Digitalzwang”. 

Und was macht Oma, die die Klingel nicht gehört hat und das Paket der Enkelin abholen will? – Richtig: Erstmal nur ein dummes Gesicht. Denn nirgends wird ihr erklärt, wie sie nun an ihr Paket kommt. Nirgends? Oh, doch. Minifutziklein auf der letzten Ecke der Webseite der DHL kann man eine erneute Zustellung aus der Packstation beantragen. Wie hat es Rena Tangens auf den Punkt gebracht? Weder kundenfreundlich, noch barrierefrei und gut für die Umwelt ist es auch nicht. Für einen der wichtigsten Grundversorger nicht gerade ein Kompliment, wie wir finden.

Eine einfach aber effektive Lösungsidee hat sich Digitalcourage dazu ausgedacht: Ein Sticker für die Lean-Packstationen mit einem Hinweis auf www.neuzustellen.de

Im Gegensatz zur Webseite der Deutschen Post kann man hier simpel finden, was man sucht: Die Möglichkeit zur Neuzustellung des Pakets, wenn es ungewollt in der Packstation gelandet ist. Erhältlich ist der Sticker im Digitalcourage-Shop.

Damit endete der offizielle Teil der Veranstaltung und man konnte, sofern man wollte (oder keinen zu schlimmen Hunger und Durst hatte), bei O-Saft und Sekt mit anderen Begeisterten bzw. Entsetzen über die Thematik diskutieren. Genug interessante Menschen waren auf jeden Fall da! 

Wir haben uns an diesem Abend auf jeden Fall gut informiert und unterhalten gefühlt. Auch, wenn es an der einen Stelle etwas weh tat. Aber schon bevor wir die “Hechelei” verlassen hatten, diskutierten wir über eine Alternative zu Zoom. 

Tja. Manchmal muss es eben weh tun, damit sich was verändert. Und wir hoffen, dass es auch für die Preisträger*innen des Big Brother Awards ein bisschen weh tat, so dass sich was bewegt. Das wäre gut. Für uns alle. Wer nun die Reden der Laudator*innen nicht nur lesen, sondern auch hören möchte, kann dies hier tun: https://bigbrotherawards.de/2023

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Miriam Reichelt

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